"Grandios: Weltnaturerbe"

Ein Essay des Schriftstellers Uwe Herms

 

Hier­zu­lan­de wur­de Uwe Herms zu­nächst als Autor der "Brok­dor­fer Kriegs­fi­bel" (1977) be­kannt. Die Halb­in­sel Ei­ders­tedt wur­de sei­ne Wahl­hei­mat.

1985 er­schien die Er­zäh­lung "Das Haus in Ei­ders­tedt", nach und nach wei­te­re Bü­cher wie "Das Land zwi­schen den Mee­ren. Rei­sen in das un­be­kann­te Schles­wig-Holstein" und die Er­zäh­lun­gen "Wun­der­tü­te ei­nes hal­ben Ta­ges", so­wie "Schrau­ben, aha".

Aus An­lass des fünf­zig­jäh­ri­gen Bes­te­hens der Schutz­sta­ti­on Wat­ten­meer und als Un­ter­stüt­zung der Stif­tung schreibt der Schriftsteller über sei­ne Sicht auf den Na­ti­o­nal­park und das Welt­na­tur­er­be.

 

 

Gran­di­os: Welt­na­tur­er­be

 

Ganz un­di­plo­ma­tisch ge­spro­chen:  Ich fin­de es gran­di­os, daß es das Schutz­sys­tem Na­ti­o­nal­park gibt, daß wir an­deu­tungs­wei­se ein öko­lo­gi­sches Grund­ge­setz zu den­ken an­ge­fan­gen ha­ben,  daß nicht Krieg ge­gen Land und Was­ser ge­führt wer­den darf,  daß nicht nur wir Men­schen kei­ne Fol­ter er­lei­den sol­len, son­dern auch die Na­tur und ihre Kre­a­tu­ren nicht.  Ich fin­de es gran­di­os, daß es nach viel Müh­sal staats­recht­li­che, ver­eins­recht­li­che, in­di­vi­du­al­recht­li­che Kon­zep­te und Ein­rich­tun­gen gibt, die nicht ein­fach ver­ges­sen und aus­ge­he­belt wer­den kön­nen  -  so nach­bar­schaft­lich klein un­ser Are­al im Welt­maß­stab er­schei­nen mag, nach ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert or­ga­ni­sier­ter An­stren­gun­gen.

In be­schei­de­nem Maße und groß­städ­tisch ah­nungs­los bin ich vor Jahr­zehn­ten sel­ber ein Watt­läu­fer ge­we­sen, ein Meer­saum-Kie­ker, ein In­sel­freak zwi­schen Sylt-List­land und der Wet­ter­kar­ten-Nase na­mens Ei­ders­tedt. Habe selt­sam na­turgläu­bi­ge Per­sön­lich­kei­ten ken­nen­ge­lernt, die dem Ae­ro­sol der West­win­de Heil­kraft für mei­ne Bron­chi­al­bäu­me zu­spra­chen und mich zu­dem das Hin­bli­cken und Hin­hö­ren lehr­ten. Und bin froh, daß ich zu den Be­lehr­ba­ren ge­hör­te.

 Das kaum sicht­ba­re Bo­den­le­ben mit sei­nen flüs­tern­den Ak­teu­ren soll­te ich mehr als den Bernstein ach­ten, und die Viel­falt der ren­nen­den, sto­chern­den, flit­zen­den, flie­gen­den und flat­tern­den Ge­fie­der­ten soll­te ich an ih­ren Ru­fen, am Ge­flö­te, am Ge­schnat­ter und Ge­schrei er­ken­nen und beim Na­men nen­nen kön­nen. Mir graus­te, wenn ich im Zi­vi­li­sa­ti­ons­müll-Treib­sel Ka­da­ver mit ver­dreh­tem Hals und ab­ge­spreiz­ter Schwin­ge fand. War das der Sturm ge­we­sen? Oder das scheuß­lich Schwar­ze, der „Teer“, das klum­pi­ge Schwer­öl? Mal fand ich auch ei­nen Schweins­wal mit aus­ge­hack­ten Au­gen, der Bauch schil­lernd und ge­bläht.

Das gro­ße Meer, das da kam und ging und selt­sa­me Ga­ben brach­te, Schön­heit zeig­te und Schau­der zeug­te, Angst, Ohn­macht:  das am­phi­bi­sche Watt, das ei­nen ver­sin­ken las­sen konn­te,  die See und ihre Ne­bel  --  kei­nen Au­gen­blick trau­te ich mir die öko­lo­gi­sche Über­le­bens­har­mo­nie mit den Ele­men­ten zu. Ich ge­hör­te ei­gent­lich nicht in die­se Na­tur. Umso mehr aber nahm ich Par­tei mit den Kre­a­tu­ren,  de­ren Welt die­se Na­tur war,  die al­les das konn­ten, was mir un­mög­lich war. Ich hat­te noch die „Vo­gel­ko­jen“ mit ih­ren Lo­cken­ten und un­ent­rinn­ba­ren Net­zen ken­nen­ge­lernt,  und heut­zu­ta­ge wer­den mit den „Rin­gel­gansta­gen“ die fan­tas­ti­schen Ge­leit­zü­ge der flie­gen­den Ma­jestä­ten an­läß­lich ih­rer Zwi­schen­lan­dung ge­ehrt. Wir alle sind als Ge­schöp­fe der Hal­lig­welt „Welt­na­tur­er­be“.

Der Aus­druck Welt­na­tur­er­be ist eine Bü­ro­kra­ten­ge­burt, klingt nach Ver­ord­nung und Ge­setz. Aber nach Wind und Wet­ter, Hal­lig, Priel und Schlick, nach am­phi­bi­schem Le­ben im Watt bei Ebbe und bei Flut klingt der Aus­druck nicht.

Das ist auch wei­ter nicht schlimm. Denn er ent­hält et­was Tu­gend­haf­tes, et­was Hu­ma­nes zu­guns­ten der Schöp­fung:  Er ge­währ­leis­tet Schutz und Schirm durch Men­schen­hand und Tech­nik, be­wegt die An­woh­ner und die An­rei­sen­den zu Lie­be und Hoch­ach­tung, zu Pfle­ge und Müh­sal für das, was wir als so groß­ar­tig und ehr­furcht­ge­bie­tend an­zu­se­hen ge­lernt ha­ben.  Un­ser selt­sam zer­fled­der­ter Küs­ten­strei­fen zeigt uns die Über­macht der Na­tur­kräf­te ges­tern, heu­te und mor­gen, aber auch, daß die kur­ze Zeit­span­ne un­se­rer Ein­griffs­mög­lich­kei­ten bei­na­he ein Nichts ist ge­gen die epo­cha­len Wir­kun­gen von Kli­ma­wand­lung und pla­ne­ta­ri­schen Kräf­ten.

Tag und Nacht, Sturm und Stil­le, Son­ne und Mond  -  hier ge­hö­ren die­se Phä­no­me­ne tat­säch­lich zum Na­tur­er­be, an­ders als in den Me­tro­po­len, wo man eine „Phä­no­men­ta“ zur Be­leh­rung braucht. Je­den­falls habe ich mir die we­nig be­sie­del­te Halb­in­sel Ei­ders­tedt nach vie­len Rei­sen und Städ­ten als Blei­be der ele­men­ta­ren Sein­ser­fah­rung er­ko­ren, und so ist mir die­ses am­phi­bi­sche Was­ser­land rund ums Jahr bei Sturm und Stil­le, bei Licht und Fins­ter­nis, in grü­nem Wei­de­pelz und un­ter win­ter­wei­ßem Son­nen­glast eine be­glü­cken­de und zu­gleich un­heim­li­che An­ge­le­gen­heit.

Denn zum Erbe die­ser Na­tur ge­hört die Mah­nung, daß al­les end­lich ist. Erst kürz­lich sah ich ei­nen ge­stan­de­nen Ei­ders­ted­ter schil­dern, wie ihm bei ei­ner ge­wal­ti­gen Sturm­flut vor nun schon fünf­zig Jah­ren der Deich un­ter sei­nen Fü­ßen weg­zu­schwim­men be­gann, mit Kurs auf den Höl­len­schlund, und dem Mann brach die Stim­me im Trä­nen­an­drang der lan­ge ver­ges­se­nen To­des­angst.

Un­ser Welt­na­tur­er­be hat bei­des:  die exis­ten­ti­el­len Be­dro­hungs­kräf­te von uni­ver­sel­ler Sint­flut und in­di­vi­du­el­lem Tod und jene kre­a­tür­li­chen Ei­gen­schaf­ten, die ka­thar­tisch zu hei­len und zu be­glü­cken ver­mö­gen.

Sol­che Er­fah­run­gen ma­chen die „Frei­wil­li­gen im öko­lo­gi­schen Jahr“, sie kom­men aus al­len Ge­gen­den Deutsch­lands, sie ge­stal­ten da­mit auf gran­di­o­se, auf mu­ti­ge Art ein un­a­ka­de­mi­sches Pri­vat­stu­di­um, das an­ders prägt und ver­bin­det, ver­mut­lich ein gan­zes Le­ben lang.

Denn kei­nes­wegs muß man den Mount Eve­rest bes­tei­gen, um sich bis ins Äu­ßers­te zu er­schöp­fen und mit schlap­pen Au­gen den ges­tirn­ten Him­mel über uns an­zu­pei­len. Es ist auch un­nö­tig, als Ein­hand­seg­ler auf den Oze­a­nen Ver­lo­ren­heits­ge­füh­le zu er­zeu­gen. Gip­fel­stür­me, die uns den Atem vom Schlund rei­ßen, ha­ben wir auch auf Mee­res­hö­he, im Watt bei Ebbe, wo der Platt­fisch spad­delt und Aus­schei­dungs­la­va aus den Watt­wurm­vul­ka­nen ihre Häuf­chen bil­det. Wo die Aus­tern­fi­scher pi­cken und die See­schwal­ben flit­zen. Und wo die Dich­ter The­o­dor Storm und Det­lev von Li­li­en­cron hin­ge­lauscht ha­ben: „Ans Watt nun fliegt die Möwe…“  oder „Heut bin ich über Rung­holt ge­fah­ren …“ ha­ben sie ge­schrie­ben, ha­ben mir die Ein­ma­lig­keit der Er­leb­nis-Epi­pha­nie seit Kin­der­ta­gen un­ver­geß­lich ins Herz ge­schrie­ben.

So fin­de ich es gran­di­os, daß wir im Sin­ne die­ser Dich­ter al­le­samt zum Welt­na­tur­er­be ver­eint sind. Und zu wür­di­gen wis­sen, wenn ne­ben den Zug­vö­geln ab und an nach gro­ßem Sturm- und Flut­the­a­ter Zeu­gen der Ver­gan­gen­heit auf­tau­chen, sei­en es Mü­cken im Bernstein, sei es ein al­ter Brun­nen­ring, sei­en es Span­ten un­ter­ge­gan­ge­ner Küs­ten­seg­ler.

 

 

 

Druckversion, Auszug aus "wattenmeer", Heft 2013-2 zum Download