Zapfenstreich am Leuchtturm

mare No. 86, Juni/Juli 2011

 

Philip Schierning ist der letzte Zivildienstleistende am Leuchtturm auf der Halbinsel Eiderstedt. Wenn in diesem Sommer die Wehrpflicht endet, steht auch der Naturschutz im Watt vor einer Zeitenwende

Text: Holger Kreitling    Fotos: Jan Windszus

 

Ein König ist ja ziemlich privilegiert, aber vor dem Priel, wenn es auf das richtige Schuhwerk ankommt, sind alle gleich. Die Zivildienstleistenden und Praktikanten, die Freiwilligen und Ehemaligen am Leuchtturm singen ein Lied, es heißt „Könige von Westerhever“, geschrieben hat es 2005 die Praktikantin Katja. Erzählt wird vom Leben am Leuchtturm, von Witterung, Gezeiten, von harter Arbeit und Erfüllung. Der Refrain lautet:

„Du kannst nur einmal König sein im Leben, 

und nur einmal bist du so reich. 

Du hast die Sonne und die Vögel und das Meer

und die Schafe auf dem Deich.“



Philip singt das Lied gerne mit, aber jetzt am Priel vor der Sandbank von Westerhever merkt der Zivildienstleistende, dass in seinen Lieblingsgummistiefeln ein Loch ist. Das Wasser steigt, Philip sieht sich um. Es ist März, die Temperatur um den Gefrierpunkt. Zurückgehen? Nein. Die nächsten Stunden wird er auf der Sandbank sein Tagwerk vollbringen. Da klemmt sich der König das Stativ zur Vogelbeobachtung unter die Schulter und hüpft auf einem Bein durchs Wasser. In jungen Jahren sind Demut und praktische Lösungen noch nah beieinander. Die Arbeit kann kommen, das Hochwasser auch.



Philip Schierning ist Zivildienstleistender der „Schutzstation Wattenmeer“ am Westerhever Leuchtturm auf der Halbinsel Eiderstedt, und mit allem, was er tut, nimmt er ein bisschen Abschied. Denn wenn seine Dienstzeit Ende Juli endet, wird ihm kein Zivildienstleistender folgen. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht, ihrem faktischen Ende, endet auch der Zivildienst in Deutschland. Philip ist der Letzte seiner Art. Die „Zivis“ sind dann Geschichte. Das führt vor allem im Gesundheitssystem und in sozialen Einrichtungen zu gewaltigen Umwälzungen, aber auch Natur- und Umweltschutz stehen vor einer neuen Ära. Allein an den Stationen im Nationalpark Wattenmeer sind um die 30 Zivildienstplätze anerkannt, auf Sylt, Föhr, Amrum, Pellworm, den Halligen und am Festland. Ohne diese Kräfte wären das Meer und die Ufer und die Tiere nicht zu schützen.



Philip findet auf seinem Gang über die Sandbank zuerst eine tote Eiderente. Sie könnte schon vor ein paar Tagen verendet sein. Später wird der 20-Jährige mit dem Ornithologen der Station sprechen, um die Ursache herauszufinden. Heute ist Springtide, die Flut steigt höher als üblich. Die Sandbank wird um kurz vor zwei Uhr nachmittags deshalb ein Stück kleiner sein als üblich. Alle zwei Wochen bei Spring­tide werden die Rastvögel im Wattenmeer gezählt. Zwei Kollegen Philips, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) absolvieren, sind zur Zählung am Deich und weiter südwärts gegangen.



Ein paar Kilometer weiter kommen wir an die Rettungsbake. Die Leiter liegt im Sand, Eisschollen haben sie so weit verbogen, dass sie aus der Befestigung gerissen ist. Philip stellt das Spektiv auf, schaut durch die gewaltige Linse und beginnt mit einer Gruppe Austernfischer, die weiter nördlich hocken, den „Aufis“. Alle zehn Vögel klickt er sein Zählinstrument. Bevor er hier anfing, erzählt er, kannte er sich mit Vögeln überhaupt nicht aus, so wie fast alle Zivis der Schutzstation. Bald konnten sie „Aufis“ von „Alpis“, Alpenstrandläufern, unterscheiden, „Simös“ (Silbermöwen) und „Stumös“ (Sturmmöwen), auch Brand-, Nonnen- und Ringelgänse. Die Zivildienstleistenden brauchen das Wissen nicht bloß für die Zählungen, sondern auch für die Touristenführungen.

Nach einer guten Stunde sind am Himmel zwei Lenkdrachen zu sehen, sie gehören zu zwei Kitesurfern, die hier so beliebt sind wie frei laufende Kampfhunde. Auch so einsichtig und zuvorkommend. Philip ruft seine Kollegen an, ob sie die Kiter sehen könnten. Ist jemand nah dran? Die Station wird verständigt und befragt, wie man sich verhalten soll. Kiter im Nationalpark scheuchen Zugvögel auf, die hier dringend ihre Energie brauchen, um zu rasten und zu fressen. Die Naturschutzexpertin der Husumer Schutzstation rät am Telefon: Stellt fest, ob sie ihr Auto dabeihaben, und schreibt das Kennzeichen auf. Die Kiter sind inzwischen quer über die – natürlich geschützten – Salzwiesen gelaufen, dann in den Priel gesprungen und von dort übers Meer bis Sankt Peter-Ording gesurft. Sie hatten sich aussetzen lassen, jedenfalls wird kein Wagen etwa mit Aufkleber „Kitesurfer are doing it better“ gefunden. 


Philip ist mit Praktikum und Verlängerung insgesamt ein Jahr in Westerhever; die zuletzt sechsmonatige Dauer des Zivildiensts ist für die Arbeiten vor Ort viel zu kurz. Die jungen Erwachsenen leben am Leuchtturm. Sie haben ein kleines Haus für sich, nebenan im Seminarhaus werden Gruppen untergebracht. Im Sommer ist rund um die Uhr etwas zu tun, im Winter kann es ziemlich einsam und trist sein. Das Stationstagebuch vermerkt Anfang Januar: „Man sollte nicht ‚Die drei Fragezeichen und der Nebelberg‘ hören, vor allem nicht, wenn man allein am Turm ist, es dunkel wird und es draußen sehr, sehr neblig ist.“ Doch alle Bewohner am Leuchtturm klagen nicht, sie preisen die Lage.

Das Wort ,Zivi‘ stirbt aus. Das Wort ‚Zivi‘ stößt auf Geschichte“, sagt Philip. „Viele Leute in Deutschland haben diese Erfahrung gemacht, das wird es nicht mehr geben.“ Tatsächlich hat der Zivildienst eine breite Tradition etabliert: den verpflichtenden gesellschaftlichen Nutzen zu mehren. Elan und Idealismus wurden aufs Schönste kanalisiert. Im Unterschied zu Wehrdienstleistenden empfand über Jahrzehnte hinweg kaum ein Zivildienstleistender seine Arbeit als sinnlos oder als verschwendete Zeit.

Das ist mehr als ein Nebeneffekt. Sehr viele junge Menschen entdeckten ihre verborgenen Talente, lernten selbstständiges Arbeiten, entschieden sich für Berufswünsche im Umfeld. Auch in der Schutzstation Wattenmeer arbeiten viele ehemalige Zivis, die nach ihrem Dienst Biologie studierten und zurückkehrten. Und ohne die Zivildienstleistenden, Praktikanten, FÖJler wäre die Schutzstation nicht überlebensfähig.

Seit das Wattenmeer 1985 zum Nationalpark und erst recht seit die Landschaft vor zwei Jahren zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt wurde, sind die jungen Helfer doppelt nötig. Wer führte sonst die Besucher? Wer zählte die Vögel? Die Aufgaben sind in den letzten 30 Jahren gewachsen, weil es die Zivis gab. Wer räumte sonst auf, aus und um? Wohl niemand. Für voll zu bezahlende Arbeitskräfte war und ist das Geld nicht da. Das Wattenmeer steht, was Betreuung, Ökologie und Tourismus betrifft, glänzend da. Es gibt Fotos vom Leuchtturm, da haben sich die ehemaligen Zivis in einer Reihe aufgestellt, die viele Jahre abdeckt. Eine Menschenkette für die Nordsee. Philip steht ganz vorne.

Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer in der Bundesrepublik stieg etwa ab 1970 in nennenswerte Höhen. Ende der 1990er Jahre war mit rund 140 000 Zivildienststellen der Höhepunkt erreicht, derzeit gibt es noch 108 000 Plätze. Nur ein kleiner, aber wichtiger Teil ist für Naturschutz vorgesehen, durchschnittlich 3500 Zivis arbeiten in Deutschland für die Umwelt. Weil Naturschutz ein attraktives Angebot ist, gab es stets genug Bewerber. In den letzten Jahren haben sich die Gewichte bereits verschoben. Junge Männer und Frauen, die ein FÖJ oder ein Praktikum absolvierten, sind mehr geworden. Das hat finanzielle Gründe – die Stellen müssen weniger Zuschüsse leisten als für Zivis –, ist aber auch der Umbruchsituation geschuldet. Von den 108 000 Zivildienstplätzen sind derzeit nur 40 Prozent besetzt, in Rheinland-Pfalz sind es sogar nur ein Viertel. Als Auslaufmodell gewinnt man keine Schönheitspreise mehr.

Seit im letzten Herbst über die Abschaffung der Wehrpflicht debattiert wurde, werkelt das Bundesfamilienministerium am Aufbau des Bundesfreiwilligendiensts. 35 000 Stellen aller Zivildienststellen sollen erhalten bleiben. Die Politik hat in großem Maß umgedacht. Noch vor zehn Jahren hielt sich der Bund aus der Organisation von Freiwilligen und ehrenamtlichen Helfern komplett heraus, überließ dies den Ländern, den Verbänden und Kirchen. Jetzt stehen 350 Millionen Euro im Jahr dafür bereit.

Die Aufregung ist groß. Gewerkschaften sind gegen den Bundesfreiwilligendienst, weil sie um Jobs fürchten, die so billig und leicht entsorgt beziehungsweise umgemünzt werden. Die Kirchen und Verbände sind verunsichert, wollen Änderungen, sie bangen auch um die Attraktivität des Freiwilligen Sozialen Jahres und des Freiwilligen Ökologischen Jahres, die es parallel gibt. Auch dabei geht es natürlich um Geld. Und im bürokratischen Hickhack wurde bisher kaum daran gedacht, Werbung zu machen, um tatsächlich Freiwillige zu begeistern.



Wir wissen nicht, wie viele Bewerber sich melden“, sagt Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer in Husum. Er registriert viel Ratlosigkeit. Sie versuchen natürlich, keine Aufgaben am Meer zu streichen. „Wir vertrauen darauf, dass gute Leute hereinschneien werden.“ Das ist in den letzten Jahren immer später geschehen, die Planungssicherheit ist bei jungen Menschen nicht mehr besonders hoch, viele entscheiden sich mittlerweile erst kurz vor Toresschluss. Oder danach. Er sei einigermaßen entspannt, sagt Borcherding. Er weiß, dass sie mit der Lage punkten können. Und mit dem Leuchtturm als Prunkstück. Weil sie nicht auf den Bund warten wollten, haben die Umweltverbände bereits das gemeinsame Internetportal www.freiwillig-am-meer.de entwickelt.



Das Bundesministerium hat bereits vorbeugend erklärt, dass es im Juli keinen reibungslosen Übergang geben werde. Die jungen Leute wollten nach der Schule erst Urlaub machen. Man solle besser erst im September mit ihnen rechnen. Aber es ist ganz unklar, ob und in welcher Zahl sich überhaupt Freiwillige melden werden. Und ob die Besten nicht lieber ins Ausland gehen, um dort ein Jahr zu verbringen. Es braucht mehr als ein paar Werbeplakate, um eine Stimmung zu schaffen. Das aufgebaute Renommee des Zivildiensts wird unter Wert hergeschenkt.



Sicher ist es gut, dass nun Frauen wie Männer die gleichen Stellen besetzen können. Auch die Altersspanne von 18 bis 27 Jahren im Bundesfreiwilligendienst wird an vielen Orten positive Effekte haben. Doch insgesamt entsteht mit dem Wegfall der Verpflichtung ein Vakuum, das gesellschaftliche Konsequenzen haben wird. Das Bindende, Einende ist weg. Naturschutz wird demnächst von einer gewissen Kurzatmigkeit befallen. „Freiwilligkeit“ beinhaltet, dass niemand „muss“. Nachhaltigkeit als Prinzip ist dann vom guten Willen Einzelner abhängig, nicht mehr vom festgeschriebenen Comment der Gesellschaft. Die Konkurrenz um die Freiwilligen wird stärker. Es ist wie mit allen lieb gewordenen Traditionen, die enden. Einfacher wird es nicht, vielleicht bleibt einiges im Schlick stecken. Womöglich entsteht etwas Neues. Benötigt wird eine breite Debatte, was und wie viel uns der Dienst an der Gesellschaft wert ist. Nicht nur im Naturschutz.



Am späten Nachmittag macht Philip noch einen Gang auf der Sandbank und notiert, was das Meer auf 300 Metern anspült: Heute sind es 27 Plastiktüten, 22 Schnüre, drei Schiffstaue, ein Handschuh, eine Flasche Duschgel sowie mehrere Klumpen Paraffin. Die nimmt Philip mit, wegen der Vögel. Es fällt regelmäßig so viel Müll an, dass nur aufgeräumt wird, wenn bei Sturmfluten das ganze Zeug bis an den Deich gespült ist. Aus den Daten werden Rückschlüsse gezogen, wie viel Müll im Wasser vor der Küste liegt. Gelegentlich seufzt der Zivi über so viel Unrat und Unsittlichkeit.



Philip glaubt dabei an den menschlichen Fotoapparat. Bei einer besonders schönen Situation prägt man sich das Bild ein und zwickt einen Körperteil. Den kleinen Finger etwa oder den Ellbogen. Wenn man später wieder dorthin fasst, kommen die Bilder zurück ins Gedächtnis, sagt er. Philip kniff sein rechtes Ohrläppchen bei der Entdeckung des nächtlichen Meeresleuchtens und als sie sich nach einer Salzwiesenkartierung im Sommer hinlegten und in den Himmel schauten. Er möchte die Erinnerungen behalten.



Einmal, im Oktober, sah Philip vom Leuchtturm aus etwas Orangefarbenes am Wasser liegen, eine Plane vielleicht. Abends ging er mit Frederick, einem FÖJler, dorthin. Sie fanden eine Rettungsinsel; schon von einem Dutzend Meter aus sahen sie, dass da noch etwas war. An der Rettungsinsel hing ein toter Mann. Sie riefen die Station und die Polizei. Der Tote war ein Segler, der bei der Sturmflut zwei Tage vorher gekentert war. Sie waren zu zweit aus Polen gekommen und hatten in einem viel zu kleinen Boot hinaus aufs Meer fahren wollen. Die andere Leiche wurde weiter im Süden angespült. Weil die Jungs den anderen nicht gleich vom Fund erzählten, wurde die nächsten Tage im Team am Leuchtturm mehr über „Vertrauen“ debattiert als über die Leiche.



Am Abend gehen wir über den Deich. Die Sonne ist untergegangen, die Salzwiesen sehen schwarz aus, am Horizont hängt noch ein Streifen Blutorange. So weit das Auge reicht, sind keine Wattwanderer mehr zu sehen. Philip schaut sich das Schauspiel an. Was er mitnimmt von hier? „Eine Ruhe“, sagt Philip. In diesem Wort stecken innere Erfülltheit und das Empfinden von Zeit, die Prägung durch das Land und die Arbeit, auch Sehnsucht nach Zukunft. Und Hoffnung, Freude. Philip ist gerne Zivildienstleistender. Eine Ruhe. Er greift ans Ohrläppchen. Klick.


Holger Kreitling, Jahrgang 1964, ist Redakteur der „Welt“ im Ressort Reportage und Vermischtes. Seinen Zivildienst leistete er in der Sozialstation Bad Nauheim. Ebenso wie Jan Windszus, Jahrgang 1976, freier Fotograf in Berlin, der seinen Zivildienst mit der Betreuung eines MS-Kranken verbrachte, entdeckte er in den Tagen am Leuchtturm auch ein paar seiner eigenen Ideale aus dieser Zeit wieder.

Quelle: mare No. 86, Juni/Juli 2011

Bilder des Fotografen Jan Windszus