Legale Meeresverschmutzung dank wachsweicher Gesetze

Tonnenweise Paraffin im Nationalpark Wattenmeer

08.04.2014

Wir kommen bei vielen Gelegenheiten mit ihnen in Berührung: Paraffine sind Grundlage von Salben und Cremes, sie isolieren Kabel oder sorgen als Kerzen für romantische Stimmung. Transportiert wird dieser vielseitige, aus Erdöl gewonnene Grundstoff per Schiff von den Raffinerien zur Weiterverarbeitung. Steht eine neue Ladung an, wählen manche Kapitäne für die notwendige Tankreinigung die Nordsee, statt die Dienste der Abfallhöfe im nächsten Hafen in Anspruch zu nehmen.

In diesem Frühjahr haben Sylturlauber die Fol- gen der billigen Entsorgungsmethode erlebt: Über 70 Kubikmeter Paraffin verschmutzen in einer einzigen Woche auf Sylt die Strände. „Es ist unfassbar, dass nach fast 30 Jahren Nationalpark Wattenmeer solche Bilder an unserer Küste noch möglich sind“, empört sich Stationsleiter Tilo Kortsch, der die Schutzstationen auf der Insel betreut. „Unsere Freiwilligen haben Klumpen gefunden, die sogar größer als Fußbälle sind“, berichtet er.

„In diesem Fall hat ein Frachter wahr scheinlich innerhalb des Nationalparks seine Tankreste direkt in das Wattenmeer gepumpt“, sagt Silvia Gaus, die eine regelmä- ßige Erfassung der Spülsäume koordiniert. Die Wasserschutzpolizei fahndete auf über 60 Schiffe nach dem Übeltäter. Bisher konnte er noch nicht ermittelt werden. „Zusätzlich zur illegalen Entsorgung kommt die schleichende Belastung mit Paraffinen“, erklärt die Biologin. Auch nach einer ordnungsgemäßen Reinigung im Hafen verbleibe eine Restmenge des Stoffs in den Tanks. Das könne beispielsweise als Anhaftung an den Wänden sein. Wird der bereits gereinigte Tank nun auf See mit Meerwasser durchgespült, lösen sich die klebrigen Batzen von den Wänden und gelangen ins Meer. „Außerhalb der Zwölfseemeilen-Zone ist das sogar legal“, erläutert Gaus.

Die weiche Masse, zu der das Gemisch aus langkettigen Kohlenwasserstoffen unter 50 Grad Celsius erstarrt, wird vom Gesetzgeber als ungefährlich für Mensch und Umwelt deklariert. Der Stoff hält sich aber leider nicht an diese Vorgaben. „Im Paraffin sind Öle und andere Stoffe enthalten, die nicht nur für See- vögel bedenklich sein können“, sagt Gaus.

Die Kosten für die Abfuhr und Entsorgung dieser einzelnen Groß-Verunreinigung wird wahrscheinlich das Land Schleswig-Holstein übernehmen. Bei der schleichenden Verschmutzung, bleiben die Inselkommunen auf den Entsorgungskosten sitzen.

„Auch die Spülung der Tanks muss endlich in der gesamten Nord- und Ostsee verboten werden“, sagt Gaus. Außerdem solle man den Kapitänen besser auf die Finger sehen. „Die ordnungsgemäße Entsorgung der Tankinhal- te muss an Bord umfassender dokumentiert werden“, fordert die Naturschützerin und hofft, dass dem Gesetzgeber möglichst bald ein Licht aufgeht.

Fußballgroße Paraffinklumpen wurden im Frühjahr an die Strände der Insel Sylt getrieben