Pazifikauster auf dem Vormarsch

22.12.2003

Bei unseren Nachbarn in Frankreich sind Austern neben anderen "Fruits de Mer" und dem obligatorischen Champagner feste Bestandteile des Festtagsschmauses am Heiligabend. Aber auch dort landet wie bei uns nicht die ursprünglich heimische Europäische Auster Ostrea edulis auf dem Teller, sondern fast ausschließlich die pazifische Verwandte Crassostrea gigas.

Robuster und wuchsfreudiger als ihre europäische Schwester wird sie als Aquakultur seit über 30 Jahren in Europa angebaut, so auch vor Sylt. Die einheimische Auster ist bereits seit den 20er Jahren im Wattenmeer fast ausgestorben. Dieses wird zum großen Teil auf die Überfischung zurückgeführt.

Nun blieb die pazifische Auster nicht in den Aquakulturen sondern "büxte" in die Umgebung aus. So werden im Wattenmeer nicht mehr nur vereinzelte Exemplare des Neubürgers gefunden, sondern 100 auf einem Quadratmeter sind an einigen Stellen im Sylter Watt keine Seltenheit wie die jüngsten Zählungen, an denen sich auch die Schutzstation beteiligt, im Nationalpark Wattenmeer ergaben.

Füße haben die Tiere zwar, aber sie sind nicht selber in die Umgebung "gewandert". Vielmehr ihre Nachkommen besiedeln das Watt. Austern vermehren sich wie die meisten anderen Muschelarten über frei im Wasser schwimmende Larven, die mit Meeresströmungen verdriftet werden. Erst nach Abschluss dieser ca. zweiwöchigen Larvalphase werden die Tiere wieder sesshaft und heften sich an vorhandenen harten Untergrund z.B. auf Miesmuschelbänke, wo sie dann festsitzend ihrer Hauptbeschäftigung, der Wasserfiltration nachgehen.

Miesmuscheln und Austern sind Konkurrenten um die Schwebstoffe im Wasser, die sie filtern und von denen sie sich ernähren. Wer hierbei effizienter zu Werke geht, ist im Vorteil. Er kann schneller wachsen oder seine Energie in mehr Nachkommen stecken.

Wird eine Miesmuschelbank von Austern überwuchert, kann es für die Miesmuscheln auf diese Weise eng werden. Es ist aber zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich vorherzusagen, wer die Oberhand behalten wird, da nicht nur die Nahrungsbeschaffung sondern viele Faktoren für die Ausbreitung einer Art wichtig sind wie Krankheiten oder klimatische Einflüsse. Einmal erwachsen geworden, braucht die Pazifikauster jedenfalls keine Feinde (außer dem Menschen...) mehr zu fürchten.

Dem an wärmere Gewässer angepassten Neubürger wurde ursprünglich nicht zugetraut, sich in der Nordsee zu vermehren, da die kälteren Umweltbedingungen nicht ideal schienen. Ca. 18° braucht er nämlich schon, damit er "loslegen" kann. Als Ersatz für die heimische Auster sind sie allerdings nicht geeignet, da sie eine andere ökologische Nische besetzen. Eine Pazifikausternbank dürfte im Wattenmeer anders aussehen als eine Austernbank der Europäischen Auster Ostrea edulis.

Die Zusammensetzung von Ökosystemen unterliegt einer evolutionären Dynamik. Arten breiten sich aus, andere verschwinden. Dieses sind aber normalerweise lang dauernde Prozesse. Hat der Mensch seine Finger im Spiel, geht es um vieles schneller. Ca. 80 Neobiota, also neue Arten sind nach Schätzungen des Senckenberg-Instituts mittlerweile durch menschliches Zutun in die Nordsee gelangt, ein Großteil davon mit dem Ballastwasser von Schiffen. Allein die dauerhafte Etablierung von 5 Arten schreibt man der Austernzucht vor Sylt zu.

Wie auch immer diese Neozooen in Zukunft beurteilt werden, als schmackhafte Bereicherung der heimischen Tierwelt oder "Faunenverfälschung", die heimische Arten verdrängen, eines steht auf jeden Fall fest: Ist eine Art einmal in ein neues Ökosystem geraten, lässt sich dieses (i.d.R.) besonders bei einem aquatischen Lebensraum nicht mehr rückgängig machen. Die pazifische Auster ist leider ein dauerhafter Bestandteil der Wattenmeerfauna geworden.

Übrigens: Nach einer neuen Studie der Uni Frankfurt unter Leitung des Zoologen Frank Reinhardt im Auftrag des Umweltbundesamtes entstehen der dt. Volkswirtschaft durch Neobiota jährlich ein Schaden von 160 Mio. Euro (Studie kann für 10 Euro bestellt werden unter Tel. 030/2116061; 10 Euro).