Naturschützer und Wissenschaftler blicken mit großer Sorge auch auf die weitreichenden Maßnahmen der anstehenden 9. Elbvertiefung im Bereich des äußeren Elbästuars: die geplanten Strombauwerke und vor allem die Unterwasserablagerungsflächen (UWA) vor Neufeld und in der Medemrinne. Diese sollten aus Sicht der Wasserbauer notwendige Baggerarbeiten und Verklappungen mittel- und langfristig verringern. Sie stellen jedoch aus naturschutzfachlicher Sicht einen gravierenden Eingriff in das Ökosystem des Elbästuars und des angrenzenden Wattenmeers dar. Bis heute sind weder deren Funktionalität noch ihre Unbedenklichkeit für die Natur in der Elbemündung wissenschaftlich belegt.

Mit großer Besorgnis wird festgestellt, dass die zugrundeliegenden Modellierungen der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) mittlerweile über 15 Jahre alt sind. Seither sind die Berechnungsmethoden deutlich präziser geworden. Es erscheint mehr als fraglich, ob eine erneute Modellierung unter Einbezug des heutigen Wissensstands noch zu denselben Ergebnisse kommen würde. Der seit jeher von Naturschutz- und Wissenschaftsseite vorgebrachte Kritikpunkt, dass der Aspekt der Meeresspiegelerhöhung nur unzulänglich betrachtet wurde, sollte im Hinblick auf die aktuellen Prognosen der Weltwetterorganisation (WMO) noch dringender Beachtung erfahren. NABU, Schutzstation Wattenmeer, Verein Jordsand und Bündnis Naturschutz in Dithmarschen fordern die BAW dazu auf, dringend ihre veralteten Berechnungen zu korrigieren. Zudem liegt seit 2017 ein durch die Umweltverbände BUND, NABU und WWF in Auftrag gegebenes wissenschaftlich erstelltes Gegengutachten vor, das, im Gegensatz zu den Ergebnissen der BAW, sehr wohl tiefgreifende Veränderungen durch die UWA Medemrinne im angrenzenden Dithmarscher Watt, Teil des UNESCO-Welterbegebiets Wattenmeer, prognostiziert. Eine fundierte Evaluierung der konträren Aussagen dieser beiden Gutachten vor Beginn der Baumaßnahmen ist zwingend erforderlich.

Die Verbände fordern daher das Land Schleswig-Holstein auf, sich seiner Verantwortung im Sinne des Vorsorgeprinzips zu erinnern und zur Vermeidung eines erheblichen Umweltschadens sich unverzüglich für einen sofortigen Stopp der Bauarbeiten einzusetzen, bis eine Klärung der möglichen Auswirkungen auf das angrenzende UNESCO-Welterbegebiet vorliegt,

eine unabhängige, wissenschaftliche Studie zu initiieren, die jeweils die Aussagekraft der sich widersprechenden Modellierungen von BAW und Naturschutzverbänden bezüglich der Auswirkungen auf die Medemrinne und das Dithmarscher Watt evaluiert und auf dieser Basis die Situation neu bewertet,

dringend und vorsorglich Forschungs- und Monitoringprojekte zu initiieren, die die Funktion des Watt-Ökosystems im Elbästuar beleuchten, auf deren Basis die bestmöglichen Entscheidungen für die Umsetzung von Maßnahmen basieren können.


Das Elbästuar ist eines der wenigen noch existierenden Flussästuare des Wattenmeers. Das UNESCO-Welterbegebiet und Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer grenzt unmittelbar an die Elbe. Die geplante UWA Medemrinne wird massive Auswirkungen auf die angrenzenden Wattflächen haben. Die Verbände fordern daher nachdrücklich das Land Schleswig-Holstein auf, sich seiner besonderen Verantwortung bewusst zu sein, und den drohenden Schaden für das UNESCO-Welterbe-Gebiet abzuwenden.