Mehr Artenvielfalt im Weltnaturerbe

Können Rochen ins Wattenmeer zurückkehren?

15.05.2019

Um 1970 wurden im nordfriesischen Wattenmeer die letzten Rochen gefangen. Der bis 80 Zentimeter breite Nagelrochen kam ursprünglich zu Tausenden im Wattenmeer vor und pflanzte sich auch hier fort. Die um 1930 verschwundenen Seegraswiesen waren vermutlich eine wichtige Kinderstube der Jungrochen. Doch der Hauptgrund für das Aussterben war die Befischung, denn kein Rochen konnte den Grundschleppnetzen der Schollen- und Krabbenfischer auf die Dauer ausweichen. Rochen werden erst mit etwa zehn Jahren geschlechtsreif und die Weibchen legen pro Jahr nur 50 – 70 Eier. Es dauert fünf Monate, bis die Jungrochen aus den hornigen Eikapseln schlüpfen – falls sie nicht vorher schon durch Krebse oder Raubschnecken ausgefressen werden. Die leeren Eikapseln von Rochen, die heute noch an unsere Strände gespült werden, stammen aus Westeuropa und sind quer über die Nordsee gedriftet. Im Wattenmeer ist der Nagelrochen um 1970 ausgerottet worden.

Ursprünglich lebte nicht nur der Nagelrochen im Wattenmeer. Es gibt ein Foto eines Husumer Kutters von 1930, bei dem eindeutig ein Stechrochen auf Deck erkennbar ist. Insgesamt leben oder lebten ein Dutzend verschiedene Rochenarten in der Nordsee, darunter der bis zu zwei Meter breite und über 100 Kilo schwere Glattrochen, der im südlichen Wattenmeer sehr häufig war und sogar Taschenkrebse fressen kann. In Irland hat man festgestellt, dass nach dem Wegfang aller Glattrochen die Krebse überhand nahmen und den Nachwuchs an Mies- und Rossmuscheln wegfraßen. Dies führte – zusammen mit starker Befischung der Muscheln – zum kompletten Verschwinden der Muschelbänke. Um das Ökosystem wieder artenreicher zu machen, soll dort eine Wiederansiedlung des Glattrochens versucht werden, der bei den Orkney-Inseln noch in einer Restpopulation vorkommt.

Eine Wiederansiedlung von Rochen testet momentan auch der WWF in den Niederlanden. Unser heimischer Nagelrochen, der in Schauaquarien oft gehalten wird und dort auch Eier legt, wird in Holland versuchsweise gezüchtet, markiert und ausgewildert. Über 250 markierte Jungrochen wurden im Sommer 2018 in der Nähe der Rheinmündung ausgesetzt. Einige von ihnen tragen akustische Sender und können durch ein Netz von fest installierten Empfangsstationen stündlich beobachtet werden. Das Verhalten der jungen Rochen ist sehr unterschiedlich: ein Exemplar „wohnt“ seit Monaten am Auswilderungsort, andere schwammen binnen weniger Stunden hinaus in die offene Nordsee und sind seither verschwunden.

Insgesamt erholt der Nagelrochen sich in der Nordsee langsam. Von den Felsküsten Frankreichs und Englands breitet die Art sich langsam wieder nordwärts aus. Im deutschen Wattenmeer dagegen fehlt der Nagelrochen immer noch komplett, seit hier um 1970 die letzten Rochen gefischt worden sind. Hier stellt sich die Frage, ob eine Wiederansiedlung der Art die Rückkehr erleichtern könnte. Der WWF in Dänemark will eine Bestandsstützung nach dem niederländischen Modell vornehmen, obwohl es sogar an der Westküste Dänemarks noch Restbestände des Nagelrochens gibt. Ob und wie schnell die Rochen auch das Wattenmeer erobern werden, ist weiterhin unklar, denn weiterhin schleppen die Krabbenfischer hier fast überall ihre Netze. Es ist zu überlegen, inwiefern ein Wiederansiedlungsprojekt für Nagelrochen im deutschen Wattenmeer dazu beitragen könnte, ein bisschen mehr „Wildnis“ und Artenvielfalt in das Watt zurück zu bringen. In den Niederlanden sind bereits Zuchtversuche mit weiteren, noch selteneren Rochenarten in Planung. Es liegt an uns, diesen majestätischen Fischen die Rückkehr zu ermöglichen.


Einige Beobachtungen von Rochen im Wattenmeer sind im Strandfunde-Internetportal BeachExplorer.org zu finden. Hier geht es zur Übersichtsseite der verschiedenen Rochenarten.

Der bis 80 Zentimeter breite Nagelrochen kam ursprünglich zu Tausenden im Wattenmeer vor.

Der heimische Nagelrochen wird oft in Schauaquarien gehalten und gezüchtet.

Es dauert fünf Monate, bis die Jungrochen aus den Eikapseln schlüpfen – falls sie nicht vorher schon durch Krebse oder Raubschnecken gefressen werden.