Rauchpilze im neuen Walschutzgebiet

Bundeswehr feuerte erneut in den Nationalpark Wattenmeer

06.10.2000

Extrem niedrige Tiefflüge, Hubschraubereinsätze, Rauchentwicklung und heftige Explosionen auf See prägten Ende August an mindestens zwei Tagen das Bild im Walschutzgebiet vor Hörnum und Rantum. Sylter Rettungsschwimmer und Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer trauten ihren Augen nicht, als sie vom Weststrand aus militärische Manöver im neuen seeseitig ausgewiesenen Nationalparkgebiet registrierten.

Nur wenige Kilometer vom Badestrand entfernt konnte man riesige Rauchpilze über dem Wasser aufsteigen sehen und mehrere große Explosionen hören. Immer wieder kurvte ein Tiefflieger über den auf See liegenden Militär-Schiffen. Das militärische Manöverquartier für diese Übung befand sich in Form einer olivgrünen Wagenburg auf einer Dünenplattform bei Hörnum.

Dies ist ein offizieller "Boden-Luftschießplatz" von dem aus die Bundeswehr zur besten Hauptsaison ihre Kriegsspiele auf See organisiert.

"Diese Manöver im seit Dezember 1999 ausgewiesenen Nationalpark- Walschutzgebiet sind ein weiterer Schlag des Bundesverteidigungsministeriums ins Gesicht der Landesregierung und der Landesnatur", klagt Lothar Koch, Sprecher der Schutzstation Wattenmeer. Landesregierung und Naturschutzgesellschaft hatten schon mehrfach in Schreiben an den Bundesminister für Verteidigung auf die Schutzwürdigkeit der schleswig-holsteinischen Küstennatur hingewiesen und auf eine Einstellung aller militärischen Aktivitäten gedrängt. In einem Schreiben vom 27.7. 2000 hatte sich der Bundesminister für Verteidigung noch für Störungen der Tierwelt im Nationalpark Wattenmeer entschuldigt, die durch Schein-Luftkämpfe über Hallig Hooge verursacht wurden und von der Schutzstation Wattenmeer ebenso gemeldet wurden, wie Schießübungen zur Brutzeit im Nationalparkbereich der Meldorfer Bucht. "Solche Entschuldigungen bleiben völlig unglaubwürdig, wenn wenige Wochen später im ausgewiesenen Schutzgebiet, der Kinderstube der Kleinwale, Robben und vieler Seevögel, erneut heftige Manöver durchgeführt werden", so Koch. Deutschland macht sich als Vertragspartei des EU-Abkommens zum Schutz der Kleinwale international völlig unglaubwürdig, wenn im eigenen Walschutzgebiet weiterhin solche Manöver veranstaltet werden dürfen. Die Auslösung von Detonationen im Walschutzgebiet sind ein klarer Verstoß gegen das "Gesetz zum Schutz der Kleinwale in Nord- und Ostsee" vom 31.3.1992, in dem es heißt: "...erhebliche Störungen, insbesonders akustischer Art, sollen verhütet werden."

Erste Reaktionen auf unsere Pressemitteilung: Der Landes-Umweltminister Müller reagierte sofort sichtlich empört: "Es ist mir unbegreiflich, daß das Militär-obwohl der Bundesverteidigungsminister etwas anderes versprochen hat, keine Rücksicht auf die Natur nimmt. Wenn sich das Militär jetzt im Spätsommer wie ein Rowdy im Nationalpark benimmt, schadet das dem Tourismus".

Müller will jetzt die Bundestagsabgeordneten des Landes, sowie den Verteidigung-und Umweltausschuss des Bundestages schriftlich auffordern, sich für den Abzug der Bundeswehr aus dem Nationalpark stark zu machen.

Die Bundestagsabgeornete Anke Hartnagel (SPD) schaltete sich ebenfalls schnell ein und formulierte eine Anfrage zu dem Thema an den Verteidigungsminister. Außerdem will sie klären, wie es ihre eigene Partei denn mit alten Beschlüssen halten will, die vor Übernahme der Regierungsverantwortung getroffen wurden. Scharping selbst hatte damals die Einstellung der Schießübungen im Nationalpark gefordert. In seiner aktuellen Antwort schreibt Scharping: Ein Manöver hat dort gar nicht stattgefunden, allerdings eine Erprobung der Selbstschutzeinrichtungen schwimmender Einheiten,...etwa 8 km westlich von Sylt...bei denen Täuschkörper in die Luft ausgestoßen wurden. Der Landtagsabgeordnete Maurus (CDU) ließ juristisch prüfen, ob die Bundeswehr im Walschutzgebiet reglementiert werden kann und will zusätzlich eine "kleine Anfrage" zu dem Thema stellen.