Schleichendes Seehunddrama

Bereits bald über 19000 Tote - Hundszeiten für Seehunde

12.10.2002

(Husum/elk) Die Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer haben einen traurigen Sommer hinter sich. Fast täglich fanden sie bei Kontrollgängen im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer tote Seehunde.

Vier Monate vergingen zwischen dem ersten Bekanntwerden einer neuen Seehundseuche Anfang Mai in der Ostsee, bis die ersten Robbenkadaver mit Verdacht auf Seehundstaupe (PDV = Phocine Distemper Virus) im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer antrieben.

Vor vierzehn Jahren, 1988, hatte das Virus schon einmal zugeschlagen und in Nord-und Ostsee rund 20.000 Seehunde vernichtet. Die Ausbreitung geschah damals wie heute durch Tröpfcheninfektion die für die Robben zumeist tödlich endet. Zuerst husten die Seehunde nur. Dann entzündet sich ihre Lunge, bis sie porös wird und schließlich zerfetzt. So strömt Luft in den Körper und die Seehunde treiben wie aufgeblasene Gummitiere hilflos auf dem Wasser. Schließlich werden sie von Mitarbeitern der Schutzstation Wattenmeer, zuständigen Seehundjägern oder Arbeitern des Amtes für ländliche Räume (ALR) gemeldet, registriert und geborgen.

Industrieschadstoffe, die von den Endgliedern der marinen Nahrungskette angereichert werden, stehen unter Verdacht das Seehundsterben deutlich zu begünstigen. In den Neunziger Jahren wurde mittels Fütterungstests an gefangenen Seehunden nachgewiesen, dass Schadstoffe das Immunsystem der Tiere schädigen. Anhand der Kadaver von 1988 konnte zudem gezeigt werden, daß Seehunde aus der Nordsee zu den am stärksten mit Umweltgiften belasteten Robben der Weltmeere gehören.

Auffällig war 1988 auch, dass ausgerechnet an den weniger industriell belasteten Küsten Islands, Schottlands und Norwegens kaum Seehunde an dem dort jedoch nachweisbaren Morbillivirus eingingen. Schließlich wurde auch festgestellt, dass viele Tiere gar nicht unmittelbar von dem Seehundstaupevirus, sondern an Sekundärinfektionen, wie beispielsweise Herpesviren, dahingerafft wurden. Die Herpesviren wurden offenbar durch den massiven Angriff der Staupe auf das Immunsystem der Seehunde in eine starke Position gebracht. Mit anderen Worten: Je schwächer die Immunfitness bei den Seehunden, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Tiere von Viren und Bakterien aller Art getötet werden.

Die Immunfitness wiederum ergibt sich aus der genetischen Anlage und dem generellen Gesundheitszustand. Dieser ist abhängig von guten Umweltbedingungen, wie zum Beispiel gesunder, ausreichender Nahrung, störungsfreien Ruheplätzen, genug Schlaf-und Sonnenstunden an Land. Über die Schadstoffgehalte des aktuellen Seehundbestandes ist nichts genaues bekannt, da Schadstoffmessungen an Seehunden schon vor über zehn Jahren den Sparmaßnahmen des Bundes zum Opfer fielen. Wir haben es derzeit jedoch mit einem recht jungen Seehundbestand an der europäischen Nord-und Ostseeküste zu tun, der sich eben auch aus den offenbar ausreichend fitten Seehunden rekrutierte, die 1988 stark genug waren die Epidemie zu überleben.

Das mag ein Grund dafür sein, daß die Seuche diesmal eher schleichend und sprunghaft die Küste eroberte. Obschon es mehr als merkwürdig ist, daß das Virus von der Ostsee im juni plötzlich einen großen Sprung an die holländische Wattenmeerküste machte. Manche schließen nicht aus, daß sogar von Aufzuchtstationen ausgewilderte Robben die Verbreitung von Krankheiten im Wildbestand begünstigen können. Beruhigend ist, daß das Virus nie seinen Wirt vollständig auslöscht, also der Seehundbestand nicht komplett auszusterben droht.

So bleibt es also abzuwarten wie die Bestandszahlen im nächsten Sommer ausfallen. Erst dann kann abschließend Bilanz gezogen werden, wie sich das Seehundsterben endgültig ausgewirkt hat. Leider ist den Seehunden nicht zu helfen. Einen wirksamen, zugelassen Impfstoff gibt es nicht. Außerdem ist eine Massenimpfung wild lebender Seehunde nicht sinnvoll durchführbar. Tier- und Naturschützer, Nationalpark- und Veterinärämter, alle müssen also ein zweites Mal hilflos dem Seuchenzug des PDV zusehen. Dänische und deutsche Fischereiverbände müßten sich jetzt eigentlich die Hände reiben, hatten sie doch noch im vergangenen Jahr gefordert, mehr als die Hälfte aller Seehunde zu schießen, weil es angeblich zu viele gäbe.

Wer die Ursache des aktuellen Seehundsterbens jedoch auf die Bestandsdichte schieben will, liegt nachweislich falsch. Die epidemische Gefährdung ist von der Größe des Bestandes unabhängig. Seehunde sind Rudeltiere. Auch bei viel geringeren Beständen würden sich die auf den Sandbänken stets eng beieinander liegenden Seehunde durch Tröpfcheninfektion anstecken. Dies beweist nicht zuletzt das Seehundsterben 1988, als dem Virus schon bereits ein halb so großer Bestand wie heute ausreichte, um sich durchzusetzen. Die Bestandsdichte wird bei Robben vor allem durch das Nahrungsangebot und geeignete Liegeplätzen bestimmt und durch eine zu- oder abnehmende Fruchtbarkeit der Tiere reguliert. Epidemien sind bei Robben kein üblicher Mechanismus zur Regulation von Beständen und wurden bei Seehunden im Wattenmeer vor 1988 auch nie beobachtet, obwohl die Bestände Anfang des Jahrhunderts viel höher waren als 1988 (vermutlich 30-40 000).

Krankheiten und Epidemien sind in Robbenbeständen aber grundsätzlich keine ungewöhnlichen Ereignisse. Entscheidend bleibt die Frage nach der wirklichen, unmittelbaren Ursache des Seehundsterbens: Wie kommt das PDVirus in den Seehundbestand unserer Küsten und wieso begann das Seehundsterben nun chon zum zweiten Mal ausgerechnet bei der winzigen Ostseeinsel Anholt und nicht auf Helgoland, Sylt oder Texel? Haben etwa Sattelrobben, die den Virus aus dem Nordmeer herunter bringen könnten einen Faible für kleine Inseln im Kattegat? -Kaum vorstellbar. Könnte das Virus aus den zahlreichen Nerzfarmen der Pelzindustrie am Kattegat entwichen sein? Immerhin sind Nerze eng verwandt mit Robben und gelten als Überträger der Staupe. Dagegen spricht die Tatsache, dass von keiner Nerzfarm ein Massensterben in eigenen Ställen gemeldet wurde. Bleiben Wildnerze, die in Schweden vorkommen...

Das alles sind offene Fragen, die nun rasch und sorgfältig geklärt werden müßten. Die Schutzstation Wattenmeer hat deshalb die Einrichtung einer internationalen, wissenschaftlichen "Sonderkommission Seehundsterben" gefordert, um Virusseuchen unter den Robben von Nord-und Ostsee in Zukunft gar nicht erst aufkommen zu lassen. Eine "SOKO-Seehundsterben" sollte den Anrainerstaaten - schon aus ethischen Gründen - ausreichende Forschungsmittel wert sein. Zudem bedeutet jede Seehundseuche den Tod vieler heimischer Publikumslieblinge, verursacht eine Menge Entsorgungskosten und dämpft möglicherweise die Urlaubsfreude an betroffenen Küstenorten.