Wo bleibt das Watt, wenn die Flut kommt? Klimawandel und die Folgen

120 cm Meeresspiegelanstieg innerhalb der nächsten 100 Jahre - Können die Halligen damit Schritt halten?

17.12.2008

Derzeit überschlagen sich die Prognosen über das Ausmaß des klimatischen Wandels. Vor zwei Jahren erregte der UN-Klimarat (IPCC) noch großes Aufsehen, als er einen weltweiten Meeresspiegelanstieg von maximal 59 Zentimetern bis zum Ende des Jahrhunderts vorhersagte. Neue Berechnungen auf Grund aktualisierter Klimamodelle kommen einer WWF-Studie zufolge auf das Doppelte: 120 Zentimeter können es bis 2100 sein.

 

Selbst wenn Optimisten Recht behalten und schnell internationale Übereinkommen geschlossen werden, scheint ein Meeresspiegelanstieg auch geringeren Ausmaßes unvermeidbar. Wie wird das Wattenmeer dann aussehen? Verschwinden die Halligen von der Landkarte? Diesen Fragen geht das Geowissenschaftliche Zentrum der Universität Göttingen nach.

 

Der Geologe Matthias Deicke, der mit seinen Studenten regelmäßig bei der Schutzstation Wattenmeer im Wattenmeerhaus Hooge zu Gast ist: "Die Halligen könnten einen geringeren Anstieg des Meeresspiegels durchaus verkraften." Er stellt aber gleichzeitig klar: "Die einzige Möglichkeit, die Halligen langfristig zu erhalten, liegt in sofortigen Maßnahmen, um den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt zu bremsen bzw. rückgängig zu machen. Das bedeutet eine Entwicklung hin zu einer konsequenten Energiepolitik, die einzig und allein auf regenerierbare Energieträger setzt."

 

Mit jedem Landunter lagern sich auf den Halligen Schwebstoffe ab. Bohrungen auf Hooge haben ergeben, dass die Hallig durch diese Ablagerungen innerhalb der letzten 90 Jahren in den Randbereichen um etwa einen Meter und im Zentrum um etwa einen halben Meter in die Höhe gewachsen ist.

 

"Steigt der Meeresspiegel, wird auch die Häufigkeit der Überflutungen zunehmen, so dass sich mehr Schwebstoffe auf den Halligen ablagern. Insofern erscheint das Fortbestehen der Halligen zwar zunächst als gesichert." folgert Deicke. "Dieses kann aber nur erreicht werden, wenn weiterhin das befestigte Steinufer instandgehalten und die Warften erhöht werden."

 

"Leider sind die Halligen aber langfristig gefährdet", sagt Deicke. Falls die westlich vorgelagerten Außensände wie z.B. der Japsand abgetragen werden, wären die Halligen ohne diese natürlichen Wellenbrecher der offenen Nordsee schutzlos ausgesetzt. Des weiteren könnten sich Wattströme verlagern und zu einer Erosion der Halligsockel führen. "Sedimente stehen im Wattenmeer nicht unbegrenzt zur Verfügung. Wenn durch regelmäßige Landunter die Halligen selber in die Höhe wachsen, ist dieser Prozess allein auf die Dauer nur von geringem Nutzen, wenn die angrenzenden Wattflächen nicht ebenso stark mitwachsen", so Deicke weiter.

 

"Ein steigender Meeresspiegel könnte dann zu einem häufigeren Überfluten der Halligen auch in den Sommermonaten führen", meint Deicke. "Rinderhaltung wäre aufgrund der zunehmenden Versalzung der Weiden dann nicht mehr möglich." Sturmfluten würden hohe Wasserstände und starke Wellenbewegungen auf den Halligen erzeugen, die wiederum durch Wellenschlag und hohes Auflaufen die bewohnten Warften beschädigen könnten. "In den letzten Jahrhunderten zeichnet sich ein Trend zu immer höher auflaufenden Sturmfluten ab, der im Dezember 1999 mit dem Orkan "Anatol" einen vorläufigen Höhepunkt fand", so Deicke weiter. Bei dieser Orkanflut verschwand die unbewohnte dänische Hallig "Jordsand" von der Landkarte.

Um eine Aussage über die aktuelle Entwicklung des Halligwachstums zu erhalten, führt das Geowissenschaftliche Zentrum der Uni Göttingen seit drei Jahren regelmäßig Messungen auf Hooge durch. Seit 2005/2006 wurden mit Unterstützung der Schutzstation Wattenmeer auf der Hallig hierzu 60 Sedimentfallen installiert. Dabei handelt es sich um handelsübliche Fußabtreter aus dem Baumarkt sowie um Plastikflaschen, die bis auf die oberen zehn Zentimeter im Boden eingegraben wurden.

 

Die Landunter-Sedimente werden in Göttingen mengenmäßig erfasst und mineralogisch untersucht. Im ersten Untersuchungsjahr lagen auf Grund der ausbleibenden Weststürme keine Sedimente vor. In den Folgejahren 2006 und 2007 trat die Nordsee zwar erwartungsgemäß über die Ufer des Hooger Sommerdeichs, führte aber wenige Schwebstoffe mit sich, so dass auch in diesen Jahren nur geringe Sedimentmengen in den Fallen der Göttinger Forscher zurückblieben.

 

Wie schnell die Halligen durch die Überflutungen in der Vergangenheit in die Höhe gewachsen sind, lässt sich auch aus dem Vergleich von Hallig Hooge mit der durch Seedeiche geschützten Insel Pellworm abschätzen. Seit über 180 Jahren wurde der Große Koog im Zentrum der Insel Pellworm nicht mehr überflutet. Landsenkung und Meeresspiegelanstieg haben dazu geführt, dass Pellworm heute cirka zwei Meter unter dem mittleren Tidehochwasser liegt, während Hooge in etwa auf Höhe des mittleren Tidehochwasser liegt. Das bedeutet, dass ohne Deiche der Große Koog von Pellworm fast ganztägig von Wasser bedeckt wäre.

 

"Wir befinden uns derzeit in einer Situation, wo der Meeresspiegel jede Prognose aus den 1990er Jahren überholt. Wollen wir die Halligen langfristig erhalten, müssen wir jetzt etwas unternehmen", sagt Matthias Deicke abschließend. "Nur wenn wir den Ausstoß von Klimagasen konsequent und umgehend einschränken, sei es durch internationale Abkommen, sei es durch die Handlungen jedes Einzelnen, haben die Halligen auch in Zukunft eine Chance.