Das Ab und Auf der Ringelgänse

Jagd, Schutz, Klimakrise

Im Frühjahr wurden auf den Halligen und Inseln im Nationalpark die Ringelganstage gefeiert. Inzwischen sind die schönen Vögel weit nach Nordosten gezogen, um an den arktischen Küsten Sibiriens zu brüten. Angesichts starker Bestandsschwankungen der Gänse in den letzten 150 Jahren, diskutiert Biologin Barbara Ganter mögliche Ursachen hierfür.

Der Gesamtbestand der sibirischen, “Dunkelbäuchigen” Unterart der Ringelgänse, die zu uns ins Wattenmeer kommen, hat sich in dieser Zeit stark verändert. 1875 schrieb der Ornithologe Joachim Rohweder noch in seinem Werk “Die Vögel Schleswig-Holsteins” über die Ringelgans: “Auf beiden Meeren die zahlreichste Art; Myriaden bedecken in der Umgebung der Inseln und Halligen die Nordsee.” Auch wenn “Myriaden” nur schwer in eine genaue Zahl zu übersetzen sind, wird doch klar, dass diese Vögel Ende des 19. Jahrhunderts an unseren Küsten enorm häufig waren.
Genaue Zählungen des Gesamtbestandes werden seit den 1950er Jahren jährlich durchgeführt. Aus der Grafik der Gesamtzahl über die Zeit wird klar, dass es zu Beginn der Zählreihe im Jahr 1956 keineswegs mehr “Myriaden” von Dunkelbäuchigen Ringelgänsen gab, sondern die Unterart mit insgesamt nur noch 15.000 Tieren akut bedroht war. Ab Anfang der 1970er Jahre stiegen die Bestände wieder deutlich, und seit ca. 1990 schwanken die Zahlen um einen Wert von ca. 250.000 Tieren.

Mit Blick auf die Bestände stellen sich mehrere Fragen:

  • Warum gab es Mitte der 1950er Jahre nur noch so wenige Ringelgänse?
  • Wie kam es zu der Erholung ab ca. 1970? 
  • Warum stagniert die Population seit etwa 30 Jahren?

Viele Wissenschaftler, darunter besonders das Team um B.S. Ebbinge aus den Niederlanden, haben sich mit diesen Fragen beschäftigt. Sie kamen zu folgenden Schlüssen:
Die niedrigen Bestände um 1950 waren wohl in erster Linie die Folge des starken Jagddrucks entlang des Zugwegs. Im Herbst und Winter wurden Ringelgänse in ganz Westeuropa stark bejagt. In den arktischen Brutgebieten nutzten die dortigen Bewohner die Flugunfähigkeit der mausernden Gänse, um Tausende zu fangen und zu konservieren. Dazu kam, dass in Westeuropa das Seegras, die hiesige Hauptnahrung der Ringelgänse, in den 1930er Jahren durch eine Pilzinfektion fast verschwand. Ringelgänse waren also in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von verschiedenen Seiten stark bedroht.

Um 1950 erkannten Naturschützer den kritischen Zustand der Dunkelbäuchigen Ringelgans, und es gab erste Schutzbemühungen. Nach und nach wurde in den westeuropäischen Ländern die Ringelgansjagd eingestellt; fast gleichzeitig sank auch der Verfolgungsdruck in den Brutgebieten. Ab ca. 1970 erholten sich die Bestände deutlich.

Dass die Ringelgänse nun schon länger nicht mehr weiter zunehmen, liegt an ökologischen Zusammenhängen im Brutgebiet. Das Ökosystem der arktischen Tundra wird bestimmt vom Verhältnis von Beutegreifern (Polarfuchs und Co.) und Lemmingen, deren Bestände von Jahr zu Jahr extrem stark schwanken. In “Lemmingjahren”, die alle 3-4 Jahre auftreten, fressen alle Beutegreifer vorwiegend die Nager und vermehren sich dabei selbst stark; in den Jahren danach verschwinden die Lemminge, und die Beutegreifer nutzen dann andere Nahrungsquellen wie Vogeleier und Küken. Daher schwankt auch der Bruterfolg arktischer Vögel von Jahr zu Jahr stark, was man am Anteil der Jungvögel in den herbstlichen Schwärmen ablesen kann. Zum Schutz vor Beutegreifern sind Ringelgänse auf sichere Nistplätze angewiesen. Diese finden sie auf kleinen Inseln, wo sie inmitten von Möwenkolonien brüten, oder am Festland rund um die Nester von Schneeeulen, die andere Beutegreifer aus ihren Revieren fernhalten. Derart geschützte Brutplätze sind aber nicht unbegrenzt verfügbar, und die sibirischen Ringelgänse stoßen möglicherweise an eine ökologische Kapazitätsgrenze.

Der Klimawandel, der in der Arktis viel schneller voranschreitet als anderswo, bringt für das arktische Ökosystem große Veränderungen mit sich. Schon jetzt sind die Lemmingzyklen weniger regelmäßig als zuvor, was sich auch auf den Bruterfolg der Ringelgänse auswirkt. Was ein verändertes Klima auf lange Sicht für das Zusammenspiel von Ringelgänsen, Beutegreifern und Lemmingen bedeuten wird, lässt sich nur schwer vorhersagen. Umso wichtiger bleibt der Schutz von Rastgebieten der Ringelgänse im Wattenmeer. Denn nur gut genährte Tiere schaffen den langen Flug nach Sibirien und haben dort gute Chancen, erfolgreich zu brüten. Was im Wattenmeer geschieht, wirkt damit bis weit in die Arktis hinein.

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Ringelgänse über Langeneß
Ringelgänse prägen das Bild der Halligen im Frühjahr und Herbst.
Bestandsgrafik
Bestandszahlen der Dunkelbäuchigen Ringelgans 1956-2023. Gelbe Säulenanteile zeigen den Anteil der Jungvögel aus dem Vorjahr.
Ringelgans auf Nest
Mit ihrem grauen Rücken sind brütende Ringelgänse in der arktischen Landschaft gut getarnt.
Lemming aus der Nähe
Entscheidend für den Bruterfolg der Gänse ist aber der Bestand der Lemminge. Je mehr Nager es gibt, desto größer ist die Chance auf eine erfolgreiche Brut.
Polarfuchs in der Tundra
Polarfüchse oder Schneeeulen brauchen in "Lemmingjahren" kaum Vogelnester suchen. Ohne die Nager verlieren die Gänse allerdings viele Eier und Jungvögel.
Auszug aus Ausgabe 2026-2
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