Jäger im Sand
Die verborgene Räuberwelt der Nordseedünen
Zum Nationalpark-Themenjahr “Insekten” erläutern wir im April verschiedene Jagdstrategien von Käfern, Ameisen oder auch Spinnen.
Die Küstendünen von Nord- und Ostsee wirken auf den ersten Blick friedlich, geprägt von sanften Sandhügeln, wehendem Gras und flauschiger Heide. Doch auf den offenen Sandflächen und unter den Halmen des Strandhafers tobt ein unerbittlicher Überlebenskampf. Im Dünensand, einem der lebensfeindlichsten Lebensräume Europas, haben sich hochspezialisierte räuberische Wirbellose perfekt an Sandflug, Salzluft, Hitze und Trockenheit angepasst.
Sprinter und Lauerjäger
Ein mit etwas Übung und bei Sonnenschein gut sichtbares Raubtier der offenen Sanddünen ist der 1,5 cm lange Dünen-Sandlaufkäfer (Cicindela hybrida). Mit seinen langen Beinen und den großen Facettenaugen ist er der Inbegriff eines Sichtjägers. In rasantem Tempo jagt er bei Sonnenschein im glühend heißen Sand andere Insekten, die er mit seinen kräftigen Kieferzangen zerstückelt. Seine Larven dagegen lauern am Eingang senkrechter Röhren im Sandboden und schnappen mit gewaltigen Kieferzangen nach vorbeilaufender Beute.
Ganz ähnlich als Lauerjäger betätigt sich die Dünen-Wolfsspinne (Arctosa perita). Sie nutzt ihre Spinnseide als Wandtapete, um im lockeren Sand ihre Wohnröhre zu stabilisieren. Kommt Beute vorbei, stürzt die Spinnen aus ihrem Versteck hervor und packt zu. Sie ist die einzige Wolfsspinne in Europa, die nicht überwiegend schwarz ist, sondern hell geringelte Beine hat. Das dürfte Tarnung sein und zugleich ein wenig Hitze reflektieren.
Streunende Jäger bei Tag und Nacht
Ebenfalls grabend, aber als nachtaktiver Jäger, lebt der kräftig gebaute schwarze Kopfkäfer (Broscus cephalotes). Er gräbt tiefe Gänge in den losen Sand und ruht dort tagsüber zum Schutz vor der Sonnenhitze. Dank seiner Taille am Halsschild kann er sich ohne Wendeschleife unten im Gang drehen. Bei Anbruch der Nacht verlässt er seinen Bau und geht mit seinen kräftigen Kiefern auf die Jagd nach anderen Käfern und Asseln. Dann müssen die Sandlaufkäfer gut versteckt sein. Sie ruhen in Schlafhöhlen, die sie sich jeden Abend neu graben.
In direkter Konkurrenz mit dem Kopfkäfer lebt der wohl imposanteste Räuber im Dünensand, der Sandohrwurm (Labidura riparia). Mit bis zu drei Zentimetern Größe ist er ein Riese unter den heimischen Ohrwürmern. Er wohnt in selbst gegrabenen Gängen unter Treibgut oder Steinen oder einfach mitten im Sand. Nachts kommt er hervor, um nach Beute zu suchen. Er ist Allesfresser, bevorzugt aber tierische Nahrung. Mit seinen kräftigen Hinterleibszangen kann er Beutetiere mit Stinkdrüsen, wie Laufkäfer und Kurzflügler sie besitzen, so lange festhalten, bis diese ihre chemische Keule aufgebraucht haben und dem Ohrwurm dann besser schmecken. Der Sandohrwurm breitet sich mit dem Klimawandel nordwärts aus und hat 2025 erstmals St. Peter-Ording erreicht.
In den trockeneren Abschnitten des Küstenhinterlandes begegnet man der Grauen Dünenameise (Formica cinerea). Sie bildet im Gegensatz zu vielen anderen Waldameisen eher kleine Kolonien im lockeren Sand, denn Dünen bieten weniger Nahrung als ein Wald. Die Dünenameisen sind aggressive Jäger, die allein oder in Gruppen andere Insekten überwältigen. Bis zu 100 Meter vom Nest entfernt können die Arbeiterinnen jagen! Die Beute müssen sie allein nach Hause schleppen. Das kann auch schiefgehen, denn in den Graudünen findet man mitunter den Ameisenlöwen, die Larve der Gemeinen Ameisenjungfer (Myrmeleon formicarius). Die "Löwen" bauen in regengeschütztem Sand ihre berühmten Fangtrichter, in denen Ameisen direkt in die tödlichen Saugzangen des Jägers rutschen.
Bedrohtes Gleichgewicht
Durch Küstenschutzmaßnahmen, Neophyten und den Eintrag vieler Stoffe aus der Luft sind die Dünen und ihre hochgradig spezialisierten Bewohner leider gefährdet. Es ist zu hoffen, dass die Natur-Wiederherstellung von EU und Bund dafür sorgt, den faszinierenden Räubern der Dünen wieder mehr Lebensraum zu geben.
Zugleich bitten wir darum, gekennzeichnete Dünenschutzzonen nicht zu betreten. Die Insekten kann man problemlos auch am Wegrand oder in speziell als “Spieldünen” freigegebenen Bereichen erkunden.









