Täuschende Ähnlichkeit
Bienen-Mimikry bei Schwebfliegen
Das Phänomen Mimikry ist eine besonders faszinierende Überlebensstrategie im Tierreich. Man bezeichnet damit die Nachahmung des Aussehens, Verhaltens oder Geräuschs einer Tierart durch eine andere Art, um dadurch einen Vorteil zu erlangen. Häufig wird ein wehrhaftes oder ungenießbares Vorbild durch eine harmlose Art imitiert. Diese Schutzmimikry hilft, Fressfeinde abzuschrecken. Seltener kann umgekehrt auch eine gefährliche Art eine harmlose nachahmen. Der Wadenstecher, eine blutsaugende Fliege, ähnelt perfekt der Stubenfliege, und schwirrt zum Stechen unerkannt an Rinder, Pferde und Menschen heran.
Ein typisches und überall beobachtbares Beispiel für schützende Täuschungskunst ist die Bienen-Mimikry bei den Keilfleck-Schwebfliegen der Gattung Eristalis. Etwa ein Dutzend Arten dieser Gattung fliegt in Deutschland umher, und alle ähneln sie der Honigbiene oder kleinen Hummeln.
Die häufigste Vertreterin der Bienen-Schwebfliegen ist die Mistbiene (Eristalis tenax). Sie ist für den Menschen völlig harmlos und brummt nur wie eine Biene. Auch in Größe, Färbung und Verhalten ähnelt sie sehr täuschend der wehrhaften und allgegenwärtigen Honigbiene (Apis mellifera). Allerdings hat sie sehr viel kürzere Fühler als die Honigbiene. Schwebfliegen fliegen – zu ihrer zusätzlichen Sicherheit – sehr viel schneller als Bienen. Möglicherweise wären lange Fühler, wie sie die Honigbiene hat, bei hohem Tempo im Weg. Daher heben manche Schwebfliegen ihre Vorderfüße neben den Kopf und imitieren damit zur Vervollkommnung ihrer Schutztracht die fehlenden Fühler. Auch bei der Mistbiene ist dieses Vortäuschen von Bienenfühlern durch erhobene Vorderfüße mitunter zu beobachten. Offenbar kann sich die Mistbiene so gut auf den Schutz ihrer Bienen-Mimikry verlassen, dass sie oft einen nur schwach ausgeprägten Fluchtreflex zeigt.
Mistbienen sind wie die Honigbienen fleißige Blütenbesucher und wichtige Bestäuber. Sie ernähren sich von Nektar und Pollen und sind daher oft in denselben Lebensräumen und an denselben Pflanzen zu finden wie ihre Vorbilder, die Bienen.
Die Larven der Mistbiene, die sogenannten Rattenschwanzlarven, sind weiß und haben ein langes Atemrohr am Hinterende. Sie leben in stehendem, fauligem oder stark verschmutztem Wasser und spielen eine wichtige Rolle beim biologischen Abbau von fauligen Flüssigkeiten.
Die Mimikry der in ganz Eurasien verbreiteten Bienen-Schwebfliegen ist derart erfolgreich, dass in der Antike vor etwa 3000 Jahren der Aberglaube der „Bugonie“ (= „Entstehung aus Ochsen“) rund um diese Schwebfliegen entstand. Man glaubte, aus verwesenden Rinderkadavern würden spontan Bienenvölker entstehen. In den faulenden Resten eines Rindes konnten durchaus die Rattenschwanzlarven der Schwebfliegen leben. Wenn sie zur Eiablage um einen Kadaver summten oder später aus den modrigen Resten schlüpften, verwechselte man die Schwebfliegen mit Honigbienen. Zunächst die Perser und Ägypter, dann Griechen und Römer und ab dem Mittelalter auch die Europäer glaubten an diese Geschichte. Die wahre Geschichte, dass im Lauf der Evolution eine Schwebfliege das Aussehen der wehrhaften Honigbiene angenommen hat, ist mindestens so spannend.






