Westerhever - 50 Jahre danach

Zwei ehemalige Zivis besuchen ihre Station

1976 begannen Matthias Fanck und Christoph Zöckler ihren Zivildienst bei der Schutzstation Wattenmeer in Westerhever. Für unsere Zeitschrift “Wattenmeer” schrieben sie diesen Bericht über einen gemeinsamen Besuch nach fünf Jahrzehnten.

 

Nach 50 Jahren ist alles anders. Die Schäferei Hinz am Deichübergang ist, wie uns erzählt wird, seit Jahren geschlossen. Das Grundstück ist verwildert; die Gebäude verfallen. Wir sind sehr berührt. Die Familie Hinz, Willi, Opa und Oma, auch Tochter Anne, waren für uns fern der Heimat ein wenig Ersatzfamilie. Unser Wohnwagen stand auf ihrem Grundstück. Jetzt singt eine Klappergrasmücke in den Büschen. Die Zukunft des Anwesens ist ungewiss, vielleicht sei es schon verkauft, aber keiner weiß Genaues. Anders nach 50 Jahren ist auch, dass Christoph mich fragt, ob ich meine Hörgeräte eingesetzt habe, ich würde ihn wohl nicht verstehen. Aber hab ich natürlich. Mir fällt nur gerade keine Antwort ein.

Tags zuvor trafen wir uns zum Geburtstag unseres Zivi-Kollegen Jan Breden im Wendland. Siebzig ist er geworden. Christoph auch, ich bin fünf Jahre älter. Jan war 1976 auf den Sylter Sandinseln. Und ebenfalls vor 50 Jahren begann unser Zivildienst in Westerhever. Eine beeindruckende Zahl, viel Leben: wir müssen wieder hin!

Der Weg nach Westerhever hat zwei magische Momente: der erste Blick auf den Leuchtturm vom Süderheverkoog und vom Seedeich hinaus zum Horizont mit den Halligen, der Sandbank, dem Vorland, den Schafen, dem Weg.

Auf dem Deich bläst uns der Sturm fast weg, Stärke 6 oder 7 schätzen wir – mindestens. Ein Seeadler segelt dicht über uns. Keiner von uns hat jemals einen so nahe gesehen. Auf dem Weg nach vorne ist der Sturm wirklich beeindruckend. Aber ringsum rufen und flöten die Rotschenkel, viele Rotschenkel, viel mehr als damals und: Feldlerchen! Wir meinen, dass es damals keine im Vorland gab. Ob das stimmt? Jetzt singen sie in großer Zahl, wie schön! Die höhere Vegetation ist wohl günstig für sie. Wiesenpieper, Schafstelzen, die immer lauten „Eusterketscher“ natürlich – wie damals. 
Vorne an der Kante kommen die Schuhe in den Rucksack, das Wasser ist noch nicht ganz abgelaufen. „Niedrigwasser is um Neun. Aber ihr seid zu spät fürn Bernstein!“ ruft uns ein Gummibestiefelter zu, der von der Sandbank zurück kommt. Wir kämpfen uns aber gar nicht deshalb durch den Sturm. Unser „Bernstein“ sind Zwergseeschwalbe und Sandregenpfeifer, bunte Muscheln und die magischen Rippeln im Sand. Als wir allein sind, kommt das alte Wüstengefühl zurück. Wenn die Pfahlreihe nicht wäre und der Rest der Holzplattform auf der Sandbank. Beides gab’s noch nicht vor 50 Jahren.

Weite Wüste

Das Meer ist irre aufgewühlt, hohe Wellen, sturmverwehte Schaumkronen und gewaltige Brecher weiter draußen. Unmöglich, das Fernglas ruhig zu halten. Zwei, drei Küstenseeschwalben, Sturm- und Silbermöwen, keine Sturmtaucher oder Tölpel, klar. Weiter südlich haben sich kleine Dünen gebildet, mit Bewuchs sogar. Ein paar Zwergseeschwalben sind da, immerhin. Eine Bestandsaufnahme am 9. Juni 1976 ergab: 155 Gelege vom Austernfischer, 13 vom Sandregenpfeifer, 39 vom Seeregenpfeifer, 223 der Küstenseeschwalbe und 29 der Zwergseeschwalbe – allerdings nur im Vorland mit den Muschelschillflächen im Süden. Die gibt’s nicht mehr.

Und dann stehen wir plötzlich in kniehoher Sanddrift. Kniepsand, es kneift heftig an den Unterschenkeln. Der Sturm treibt die Sandkörner in Wellen und langen wabernden Zungen vor sich her. Wir sind verzaubert. Man meint, der Sand stehe still und man selber rase darüber hin. Wie
in Flugträumen. Oder beim Blick von der Brücke auf einen schnell fließenden Strom.
Der Weg zum Leuchtturm ist an einigen Stellen bedeckt von Tausenden kleiner violetter Quallen, die dekorativ zwischen grünen losgerissenen Algen liegen. Schon weit vor der alten Abbruchkante des Vorlandes beginnt neue Vegetation, die wir damals nicht kannten. Erst Queller und Schlickgras, dann höhere Stellen, dicht bewachsen mit Melde, Wermut, Grasnelken, Wegerich und den ersten blühenden Strandfliedern. Rotschenkel warnen heftigst um uns herum. Sicher haben sie hier irgendwo ihre Jungen. Eine Gasse zwischen den Brutgebieten führt durch rutschige Priele zum Turm.

Die Warft ist seit einigen Jahren für Besucher geöffnet. Zwei Handwerker der Schutzstation bauen einen neuen Zaun. Als wir uns als die (fast) ersten Zivis von Westerhever vorstellen, machen sie große Augen. „Is ja’n Ding!“ Sie holen eine der FÖJ-lerinnen und die Zentrumsbeauftragte [Begriff aus der Vereinsgeschichte. Heute heißt es einfach “Stationsleiterin”] Cornelia, die gerade hier ist. Eine nette Einladung in das frisch renovierte Seminarhaus folgt: Würstchen, Kartoffelsalat, Tee, Kaffee, Kekse und Handyfotos. Fragen und Informationen zum Damals und Heute gehen hin und her. Wir sind sehr glücklich, nicht nur über die menschliche Wärme, sondern auch darüber, dass mehr als 50 Jahre nach uns immer noch junge Leute da sind, die das Kleinod Westerhever bewachen, beobachten und den Besuchern nahe bringen. Beim Abschied habe ich ein paar Tränen hinter der Brille, aber das liegt wahrscheinlich an dem Sturm, der immer noch unvermindert wütet und uns zurück zum Deich weht.

Matthias Fanck, Christoph Zöckler

Leuchtturm Westerhever um 1978
Schon vor 50 Jahren immer wieder magisch: der Blick vom Deich über die Salzwiesen zum Turm mit dem weiten Himmel darüber.
Blick über die die teils überflutete Sandbank
Auf dem Weg hinaus zur Sandbank stellt sich leicht das Gefühl ein, durch eine weite Wüste zu laufen.
Selfie auf der Sandbank
Matthias und Christoph in diesem Juni an der „alten" Holzbake auf dem Westerheversand. „Alt“ ist hierbei relativ zu sehen, denn die Bake wurde Anfang der 1990er-Jahre errichtet und ist inzwischen bereits wieder viele Jahre außer Betrieb. Unsere beiden Ehemaligen haben sich besser gehalten.
Blick zum Leuchtturm über fliegendem Sand
Der erwähnte Sandflug im Juni samt einiger der kleinen Vordünen auf der Sandbank. Im Tatinger Windpark im Hintergrund steht inzwischen auch bereits die zweite, deutlich größere Generation von Windrädern.
Sandflug und Wellen
Der Sturm hatte auch das Meer kräftig aufgewühlt.
Gruppenbild im Seminarraum
Zwei Westerhever-Teams mit 50 Jahren Abstand: Matthias und Christoph mit den aktuellen Freiwilligen Marlene und Luzia im Seminarhaus. Für den Seminarbetrieb am Turm gilt seit 2021 leider auch weiterhin, dass dieser im Frühjahr beginnen wird. Nur kann offenbar niemand sagen, in welchem Jahr.
Drei Personen vor Wohnwagen und Kleinbus
Matthias (links) und Christoph (rechts) mit dem späteren Seeadlerschützer Bernd Struwe-Juhl vor dem damaligen Wohnwagen binnendeichs auf dem Gelände der Schäferei.
Wohnwagen mit Vereinslogo vor Deichbaustelle
Bald darauf hatte Matthias den Wagen gut erkennbar zu einer Schutzstation umgestaltet. Im Hintergrund die Baustelle der damaligen Deichverstärkung.
Station Westerhever mit Strandflieder
Gleich nach der Dienstzeit von Matthias und Christoph zogen die ersten Zivis hinaus an den Leuchtturm. Seither besteht dort unsere einzige Station mitten im Nationalpark.