30 Jahre Studienfahrten ins Wattenmeer

Von Heidelberg nach Hooge

Wir greifen nach der blitzblanken 10-Liter-Milchkanne und flitzen keine 100 Meter über die Hanswarft zu Bauer Ketelsen und holen frische Milch für das Frühstück für 18 Studierende. Die pasteurisierte Frischmilch der Halligkühe schmeckt ganz intensiv und köstlich. Gemolken wurde auf dem Außenmelkstand. (Anfangs wunderte man sich über die Teppiche im Kuhstall, aber logisch – wenn die Kühe draußen weiden, kann man die Rinnen für die Gülle im Sommer abdecken). Viele Jahre begann genau so der Tag für eine Gruppe Studierender aus Heidelberg auf der Hanswarft von Hallig Hooge. 
Seit 1994 kommen angehende Lehrkräfte für Biologie für 7 Tage zur Schutzstation Wattenmeer, erstmals zu Ostern 1994. Mit Ausnahme der Corona-Pandemie durften wir nun jährlich zu Pfingsten die Hallig als Studienort nutzen. Der Blick auf die Herkunft unserer täglichen Lebensmittel und das gemeinsame Kochen gehören mit zur Bildung für Nachhaltigkeit. Wie die Schutzstation, so ist auch der Ökogarten der PH Heidelberg ein ausgewiesener Bildungsort der BNE. Wir diskutieren nicht nur, sondern richten den Alltag auf BNE aus. Erfahrungen der Studienfahrten fließen zudem in die jährlichen Ringvorlesungen zu BNE an der PH Heidelberg ein, denn das Wasser von Neckar und Rhein führt ja unmittelbar zur Nordsee. Die faszinierenden Wale beispielsweise sind schon lange unser Thema.

Man kann den ökologischen Wandel live miterleben

Die Kooperation mit Hooge geht ursprünglich auf eine Nordseeexkursion der Uni Potsdam unter Leitung von Biologiedidaktiker Ottokar Grönke vor 35 Jahren zurück. Die herzliche persönliche Begrüßung, inhaltliche Begleitung sowie die Verabschiedung der Gäste vom Festland durch das Ehepaar Oetken waren mit ein Grund, die Nordsee in das Exkursionsprogramm der Hochschule aufzunehmen. Bei Freunden sieht man eben mehr am Meer als nur auf eigene Faust. So war dies auch über 30 Jahre mit den Studierenden aus Heidelberg. Wir fühlen uns stets willkommen bei Michael Klisch und seinem Team. Danke dafür!

Einige Exkursionsteilnehmende aus Heidelberg sind später mit ihren eigenen Schulklassen wiedergekommen ins Wattenmeer. Andere sind Kinder ehemaliger Exkursionsteilnehmender, wieder andere haben eigene Kinder dabei, die mit zum Japsand flitzen oder mit ihrer Neugier für die Natur spannende Tiere und Pflanzen entdecken. Auch FÖJ-Aktive vom Ökogarten tauschen sich mit den Freiwilligen der Schutzstation über ihre Tätigkeiten aus. Über 30 Jahre Studienfahrten – da kann man den ökologischen Wandel live miterleben. Einen Kiebitz konnten wir 2026 auf Hooge nicht mehr beobachten, in vielen Jahren zuvor schon. Wir waren dabei, als die Pellworm-Fischer bei der Kutterfahrt die ersten Pazifischen Austern im eigenen Netz fanden. Vollständig angekommen an der Küste ist die Pazifische Auster ja 2004 (vgl. Wattreport 4/2004). Wenn dänische Naturschützer scherzhaft dazu auffordern, durch Aufessen der Pazifischen Auster Naturschutz zu betreiben, dann wird die Auster dadurch natürlich nicht wieder verschwinden, aber lecker ist sie wohl. 
Auch aus dänischen Beständen könnten die Seeadler stammen, die wir 2025 und 2026 über der Hallig im Flug beobachten konnten. Bei Ballum Sluse im angrenzenden Dänemark brüten sie erfolgreich, die Seeadler. Bei dem deutlichen Rückgang der Vogelbestände über die letzten 30 Jahre sind solche Erfolge von konkreten Schutzmaßnahmen ein Motor für weiteres Engagement. Aber nur was man kennt, das schützt man auch, und daher ist es uns wichtig, angehende Lehrkräfte zu bilden im Hinblick auf die Vielfalt der Natur und spannende anregende Formen der Naturbegegnung. Wie anders ist das Wattenmeer im Vergleich zur Region an Neckar, Rhein oder Bodensee, und doch Teil einer globalen Welt.

Heuler-Rettung mit dem Seehundjäger

Eine Vielzahl von Erlebnissen bleibt nachhaltig in Erinnerung, ein Spinnentier im selbst geschliffenen Bernstein, der Geruch des Stints nach Gurke, der Geschmack der Chips der Salzwiese (Halimione), des Quellers oder des Strandwegerichs, die bizarren Strukturen von Blättermoostierchen oder Seepocke, die flinken Meeresringelwürmer und die trickreichen Bauten der Wattwürmer, das sanfte Rott-Rott der Ringelgänse in der Dämmerung oder die flauschigen Küken der Eiderenten-Kindergärten im Priel, die Heuler-Rettung 2003 mit dem Seehundjäger. Betroffenheit bleibt bei Totfunden von Basstölpeln oder Schweinswalen. Manche Arten der Küste finden wir im Binnenland wieder, so das Silbergras (Corynephorus canescens) der Amrumer Dünen, das auch auf den geschützten Sandhäuser Binnendünen bei Heidelberg wächst.
Nachhaltigkeit hat auch mit Küstenschutz zu tun. So war es zwar ungewöhnlich, während der Aufwarftung der Hanswarft nach 2013 zeit- weise nicht mehr aus dem Fenster schauen zu können, weil Sandberge sich davor türmten, aber Veränderungen sind notwendig. Wir haben die Schutzstation noch erlebt mit nur zwei Bädern für alle Hausgäste, mit der Ausstellung in der alten feuchten Scheune, mit dem rege genutzten Laborkeller und mit Sahne von der Hallig. Wir konnten uns gemeinsam über den Neubau und den neuen Seminarraum freuen, nutzen nun den Halligkaufmannsladen auf der erhöhten Warftkante, vermissen die für Biolog:innen wertvollen Schätze des ehemaligen Museums, wir freuen uns über die gehaltvolle Ausstellung der Schutzstation. Wir wissen wertvolle optische Geräte zu schätzen und erinnern uns noch, dass die ersten Mikroskope von Herrn Oetken beigesteuert wurden. Wir reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln an, drängen uns im ÖPNV und sind einmal an der Warftkante gestrandet, als die Fähre nicht fuhr. Wir werden wiederkommen, es lohnt sich, denn durch Forschungen konnten wir nachweisen, dass Studienfahrten effektive Formate der Hochschullehre sind.

Prof. Lissy Jäkel
Die Autorin ist Professorin für Biologie und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

 

Übrigens: Aktuell möchte die Hooger Station verschiedene Geräte im Ausstellungs- und Laborbereich erneuern.
Wir bitten um Spenden hierfür. Herzlichen Dank vorab!

 

Collage der Reiseunterlagen
Zeitzeugnisse des Jahres 1994: der Reiseplan und die handschriftlich ausgefüllte Gruppenfahrkarte von Bundes- und Reichsbahn für 2.700 DM.
Gruppe vor dem Wattenmeerhaus
Ein Gruppenfoto von 1998.
Aushang für 1995
Schon die zweite Exkursion war schnell ausgebucht.
Seehund in Transportkorb
Eines der Ereignisse, das besonders nachhaltig in Erinnerung blieb: Die Rettung eines Heulers im Jahr 2003.
Ankunft am Haus
Damals schon ein vertrauter Anblick: Gruppe der PH Heidelberg 2010 auf dem Weg in die Hooger Schutzstation.
Postkarte von Klassenfahrt an Prof. Jäkel
Viele ehemalige Kursteilnehmende kommen heute mit ihren eigenen Klassen auf die Halligen.
Gruppe im Watt
Erster Schlickkontakt 2017: Auf Hooge ist der Seminarraum oft draußen im Watt.