Vielfalt unter Wasser

Keine Ruhe in den Prielen

Nationalpark-Themenjahr: Jedes Jahr stellt der Nationalpark in seiner Öffentlichkeitsarbeit ein besonderes Thema in den Vordergrund. Hierbei kam die „Unterwasserwelt“ 2020 wegen Corona deutlich zu kurz. Auch im Hinblick auf die Biodiversitätsstrategie von Land und Bund wird deshalb 2024 noch einmal die „Vielfalt unter Wasser“ aufgegriffen. Als Schutzstation Wattenmeer veröffentlichen wir hierzu eine Serie von Artikeln in den "Wattenmeer"-Heften sowie weitere hier auf der Internetseite. In der ersten Folge in "Wattenmeer" 2024 Nr. 1 stellt Biologe Rainer Borcherding das bewegte Leben in den Prielen und Wattströmen vor.

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Sandsturm von rechts, Sandsturm von links, alle sechs Stunden eine kurze Pause und jede Woche ein Krabbenschleppnetz – so etwa fühlt sich das Leben am Prielgrund im Wattenmeer an. Verglichen mit einem Korallenriff, wo im klaren Wasser die filigranen Kalkskulpturen heranwachsen und nur alle paar Jahre ein Taifun vorüber tost, sind die Priele des Wattenmeeres eine sehr raue Landschaft.

Die Tiefs, Seegatten, Baljen, Piepen, Dybs oder wie auch immer die Wattströme örtlich heißen, sind die Lebensadern des Wattenmeeres. Durch sie fließt in ewigem Wechsel der Gezeiten das Nordseewasser ins Watt hinein und wieder heraus. Das Wasser verteilt Schwebstoffe, Salz und Temperatur auf den Wattflächen. Zugleich verformt die Strömung ständig die Gestalt der Priele: Sand wird umgelagert, Muschelschalen werden mitgezogen, fossile Bodenschichten werden freigelegt und schrittweise erodiert. Je stärker die Strömung ist, umso mehr Sand kann sie mitnehmen. Besonders wirksam sind daher Sturmfluten: Mit der Zusatzkraft des Windes lagern sie oft mehr Sediment um, als die Gezeiten im ganzen Rest des Jahres bewegen.

Am Grund vieler Priele ist Hartgrund anzutreffen: Oftmals Muschelschill, also Schichten alter Muschelschalen, die von Ebbstrom und Schwerkraft in die Priele verfrachtet worden sind. Mitunter bilden den Prielgrund aber auch fossile Sedimente: Tonschichten früherer Schlickwatten, Torfschichten früherer Moore oder Steine und Kies aus der Erosion früherer Moränenhügel.

Die Hartböden haben eine artenreiche Lebensgemeinschaft von „Aufsitzern“, den Epibionten. Hierzu zählen Nesseltiere wie Seeanemonen und Polypenstöcke, Stachelhäuter wie Seesterne und Seeigel, aber auch Krebse, Schnecken und manche Muscheln. Der Kampf um die besten Plätze, also mit Zugang zu frischem Wasser und Futter, aber zugleich mit sicherem Halt am Boden, ist hart. Daher gibt es auf Hartgrund neben einigen sehr erfolgreichen Arten wie der Seenelke eine Vielzahl von seltenen Arten, die jeden Tag das Glück haben müssen, nicht von einem Seeigel weggeknabbert zu werden. Sehr trickreich sind die Bohrmuscheln, die sich in lebenslanger Anstrengung ganz tief in Torf, Kalk oder Klei einbohren, wo sie vor allen Feinden geschützt sind.

Weichböden hingegen beherbergen ganz überwiegend „Endofauna“, also im Boden vergrabene Tiere, die oft in hohen Individuenzahlen auftreten. Typisch sind Muscheln und Borstenwürmer sowie einige Krebse und Stachelhäuter. Mengen von Herzseeigeln und Muscheln sind in zehn bis dreißig Zentimetern Tiefe versteckt. Sie graben sich schnell wieder ein, falls die Strömung sie frei spült. Besonders erfolgreich in Sandböden ist der Bäumchenröhrenwurm, der sich aus Sandkörnern und Spucke eine senkrechte Wohnröhre baut. Diese hat oberhalb der Bodenoberfläche eine „Baumkrone“, die dem Wurm beim Planktonfang als Stütze dient. Über 1.500 Würmer können im Quadratmeter Nordseegrund leben und damit ein „Riff“ aus Sandröhren bilden.

Über alle diese Bodentiere hinweg bewegen sich mit dem Gezeitenstrom die mobilen Arten: Schwarmfische wie Hering und Sandaal, aber auch die Nordseegarnele und teils sogar erwachsene Strandkrabben ziehen mit jeder Tide kilometerweit zur Futtersuche auf die Wattflächen hinauf und mit dem Ebbstrom wieder zurück. Zum Winter hin werden die Wattflächen verlassen und viele Arten nutzen die Priele als Rückzugsgebiet – ein Hort der Artenvielfalt im Wattenmeer.

Vielfältig besiedelter Stein
Neben Seenelken (vorn) brauchen auch Seemannshand, Blättermoostierchen und andere Polypenkolonien festen Untergrund. Steine sind daher dicht besiedelt.
Dicht besiedelter Stein
Seenelken, Seesterne und unscheinbare Polypenkolonien auf einem Stein. Früher boten auch Hartgründe tierischen Ursprungs, wie Bänke der Europäischen Auster oder Sandkorallenriffe, vielen festsitzenden Arten einen Lebensraum.
Filigrane Sägegarnele
Steine oder Riffe ziehen auch empfindlichere mobile Tiere, wie die Sägegarnele an.
Maskenkrebs auf dem Boden
Der Maskenkrebs ruht vergraben im Sand und nutzt seine borstigen Antennen als Schnorchel.
Leere Gehäuse von Herzigel mit und ohne Stacheln
Herzseeigel leben vergraben und ernähren sich von Bodenpartikeln. In Eiswintern erfrieren sie zu Zehntausenden. Auch Sturmfluten lösen sie aus dem Boden und spülen sie an die Strände.
Röhre mit dünnen Ästen ragt aus dem Boden
Bäumchenröhrenwürmer bauen über ihren Wohnröhren verzweigte Bäumchen, die ihren feinen Tentakeln Halt bieten.
Dichter Bestand von Bäumchenröhrenwürmer auf dem Watt
Auf tiefliegenden Wattflächen können Bäumchenröhrenwürmer regelrechte Riffe bilden.