Von Insekten gehackt und umprogrammiert
Pflanzengallen - Thema des Monats August
Wer an der Nordsee durch die Dünen und Salzwiesen wandert, blickt meist in die Weite – auf das Meer, die Wolken oder die Dünen. Senkt man aber den Blick und achtet auf Besonderheiten in der Vegetation, kann man - abgesehen natürlich von spannenden Käfern, Wanzen und Raupen - an manchen Pflanzen seltsame Verdickungen entdecken. Auf den Blättern, an Stängeln oder anstelle der Blüten haben manche Pflanzen Verformungen, die fremdartig und wie nicht zur Pflanze gehörig aussehen, aber trotzdem eindeutig lebendes Pflanzengewebe sind. Das sind Gallen.
Pflanzengallen entstehen, wenn winzige Insekten, Milben oder Pilze eine Pflanze biochemisch so manipulieren, dass diese anstelle von normalem Gewebe eine maßgeschneiderte, nährstoffreiche Schutzhülle für den Nachwuchs des Parasiten wachsen lässt.
Gallen können auf oder unter Blättern sitzen und wie Beeren, Linsen oder Warzen geformt sein. Sie können Verdickungen des Stängels sein oder haarige Kugeln oder Zapfen anstelle von Knospen und Blüten.
In den Küstendünen findet man regelmäßig an der Kriechweide rote Kugeln, die wie Beeren aussehen, aber irgendwo auf einem Blatt oder an einem Stängel sitzen, wo keine echte Frucht sitzen kann. Das sind die Gallen der Kriechweiden-Gallwespe (Euura collactanea). Ebenfalls an Kriechweiden sieht man oft Triebspitzen, wo die grünen Blätter wie ein kleines Röschen gebündelt sitzen. Diese Galle stammt von der Kriechweiden-Gallmücke (Rabdophaga jaapi), die das Sprosswachstum der Pflanze stoppt und diese zwingt, alle Blätter an einem Punkt als dichtes Bündel wachsen zu lassen. In der Mitte der schützenden Galle, die über den Winter am sonst entblätterten Weidenbusch verbleibt, entwickelt sich geschützt die Gallmückenlarve.
Die komplizierten Mechanismen der Gallbildung sind erst teilweise verstanden. Die Gallbildner - meist Insekten - schaffen es in erstaunlicher Weise, ihre jeweiligen Wirtspflanzen zur Bildung von Gewebe zu zwingen, das die Pflanze niemals selbst bilden würde. Oft impft das Weibchen bereits bei der Eiablage Wachstumshormone in die Pflanze, die die Wucherung des Pflanzengewebes auslösen. Manchmal werden auch spezielle "Hacker"-Bakterien oder Viren in die Pflanze übertragen, die die Genaktivität der Pflanze umsteuern und besonders bizarre Gallbildungen verursachen.
Die fressende Larve gibt dann mit dem Speichel weitere Hormone ab, die die Galle in genau der Geschwindigkeit weiterwachsen lassen, wie die Larve es benötigt. Oft ist Gallgewebe innen extra weich und nahrhaft, außen aber zum Schutz der Larve hart oder haarig. Auf Blättern von Laubbäumen gibt es verschiedene Gallen, und unvergleichlich skurril sind Gallen der Wespengattung Andricus an Eichen. Eine Bildersuche im Web lohnt sich!
Eher unauffällig sind die “Zigarrengallen”, verdickte Schilfstängel, in denen die Larven einer Halmfliege (Lipara lucens) heranwachsen.
Eine besonders typische Galle in den Wattenmeer-Salzwiesen erzeugt der Strandwegerich-Gallrüsselkäfer (Mecinus collaris). Im anschwellenden Blütenstiel knapp unterhalb der Wegerichähre frisst die Käferlarve. Oft allerdings schlüpft im August kein junger Rüsselkäfer aus der Galle, weil sich ein Drama ereignet hat: Eine Strandwegerichgallrüsselkäferschlupfwespenlarve hat die Käferlarve gefressen und wartet in der gekaperten Galle auf das nächste Frühjahr, um neue Strandwegerichgallen zu suchen und ihre Eier hinein zu stechen. Bis zu 60 % der Rüsselkäferlarven fallen den Wespenlarven zum Opfer. Das Leben ist hart an der Küste, selbst tief verborgen in Strandwegerichstängelgallen.







