Gift in der Natur um uns herum
Zum Nationalpark-Jahresthema Insekten
Immer wieder mal gibt es Aufregung um giftige Tiere oder Pflanzen. "Kann ich mein Kind noch in die KiTa schicken, wenn dort im Garten ein Ölkäfer gesehen wurde?" "Das Jakobskreuzkraut ist doch gefährlich!?" "Hilfe, am Strandübergang sind Goldafterraupen!"
Glücklicherweise leben wir sehr ungefährlich hier in Mitteleuropa. Nicht einmal unsere einzige heimische Giftschlange, die Kreuzotter, ist wirklich lebensbedrohlich. Bei den Quallen gibt es zwar eine ausgesprochen schmerzhafte Art, die Feuerqualle oder Gelbe Haarqualle. Doch auch sie tut nur sehr weh, hinterlässt aber keine bleibenden Schäden. Vielleicht fehlt uns deshalb in Deutschland ein Maßstab für wirklich gefährliche Tiere?
Ernsthaft riskant sind Krankheitsüberträger wie Zecken, wenn sie zu Hirnhautentzündung oder chronischer Borreliose führen. Gefahren durch Gifte hingegen spielen für uns keine wirkliche Rolle, wenn man sie mit den Gefahren durch Krankheiten, Unfälle und Allergien vergleicht.
Die in Norddeutschland im April und Mai auftretenden Ölkäfer enthalten zur Selbstverteidigung in großer Menge Blausäure. Aber wer isst schon Ölkäfer? Ebenfalls voll Blausäure sind die Blutströpfchen, eine Gruppe tagaktiver Nachtfalter, die stellenweise auch an der Küste vorkommen und ebenfalls nicht gegessen werden. Sie tragen ein Warnkleid aus roten Flecken auf schwarzem Grund. Vögel wissen instinktiv, dass Insekten mit diesem Muster ungenießbar sind.
Dasselbe Warnmuster trägt der Jakobskrautbär, der reichlich giftige Alkaloide enthält. Diese stammen aus seiner Raupenfutterpflanze, dem Jakobsgreiskraut. Die Raupen speichern das Pflanzengift, um sich später als Falter zu schützen. Sie tragen ein weiteres universelles Warnkleid: schwarz-gelb, die Uniform auch der Wespen, die immerhin respektabel stechen können. Einen schmerzhaften, aber erträglichen Giftstachel haben die Knotenameisen, die damit die "gefährlichsten" Tiere der Küstensalzwiesen sind.
In den Dünen tritt seit einigen Jahren zunehmend der Goldafter auf, ein wärmeliebender Nachtfalter mit Raupen, die Brennhaare haben. Die dünnen Haare sind extrem spitz und enthalten ein wenig Gift, das stark juckt, wenn die Haare in unsere Haut stechen. Im Herbst spinnen die Babyraupen gemeinsam ein Seidennest an dem Sanddorn- oder Rosenbusch, auf dem sie fressen, und überwintern darin. Im Mai und Juni, wenn sie größer sind, haben sie Brennhaare, die teils im Wind umherfliegen. Dann ist es ratsam, einige Meter Abstand von den Raupen zu halten. Oder man entfernt die Nester vorbeugend im Winter, falls sie an kritischen Stellen in Gärten oder an Wegen hängen.
Ebenfalls eine Frage der Vorbeugung ist es, das Jakobsgreiskraut von Wiesen zu entfernen, wo Futterheu geschnitten werden soll. Im Heu fressen Pferde das Greiskraut mit und können schwere Leberschäden erleiden, wohingegen sie das giftig schmeckende Kraut auf der Weide sorgfältig vermeiden. Außerhalb von Heuwiesen und Viehweiden gibt es keinen Grund, das Greiskraut zu bekämpfen, denn es ist eine durch und durch einheimische Pflanze, die zudem Rekordmengen von Nektar für Blütenbesucher aller Art liefert. Wollte man alle giftigen Pflanzen aus dem Alltag verbannen, müssten zuerst die Kirschlorbeerhecken und Eibenbüsche weichen, ebenso Maiglöckchen, Fingerhut und Goldregen.
Die Welt ist voll mit giftigen Organismen, und es ist eine sinnvolle Aufgabe, den Umgang mit ihnen zu lernen. Nur die wenigsten haarigen Raupen haben Brennhaare, nur ein Teil der schwarz-gelben Insekten sind tatsächlich Wespen, und viele Wildkräuter sind lecker würzig und keineswegs giftig. Erste Mutprobe am Strand: Eine Feuerqualle an der glibberigen Oberseite berühren, denn nur die Fangtentakeln der Unterseite brennen. Viel Spaß bei den kleinen Abenteuern der Naturbegegnung!
Zum Thema des Vormonats: Zierliche Nomaden der Lüfte






