Zierliche Nomaden der Lüfte

Insektenwanderung über Meer und Land

Zum Nationalpark-Themenjahr “Insekten” erläutern wir im Juni, wie Schmetterlinge Jahr für Jahr große Wanderungen unternehmen, die durchaus mit dem Vogelzug vergleichbar sind.

Dass Tiere wandern, ist allgemein bekannt. Insbesondere der Vogelzug, wenn Kraniche oder Wildgänse in majestätischer Keilformation gen Süden oder Norden ziehen, weckt Sehnsüchte. Doch am Himmel auch über dem Nationalpark Wattenmeer spielt sich gleichzeitig ein weitgehend unsichtbares, und doch gewaltiges Naturschauspiel ab: der Insektenzug. Milliarden von Schmetterlingen, Schwebfliegen und Libellen fliegen alljährlich über uns hinweg. Sie queren Gebirgspässe und Meere und wandern teils Tausende von Kilometern – eine Meisterleistung der Evolution, die der Wissenschaft immer noch Rätsel aufgibt.

Distelfalter: Der Marathon-König
Unter den wandernden Insekten nimmt der Distelfalter eine absolute Sonderstellung ein. Er vollzieht alljährlich eine generationenübergreifende Ringwanderung zwischen den Savannen Afrikas und dem Norden Europas. Im Frühjahr brechen die Falter in Nordafrika auf und überqueren das Mittelmeer und die Alpen, um im späten Frühjahr bei uns anzukommen. Seit Mitte Mai sind sie an unserer Küste zu sehen. Hier legen sie Eier, aus deren Raupen im Hochsommer eine neue Faltergeneration schlüpft, die teils hierbleibt und neue Eier legt, teils weiter nordwärts zieht. Im Herbst machen die Falter sich auf den Weg nach Süden, wobei sie nach dem Sonnenstand navigieren. In über 1000 Metern Höhe fliegend erreichen sie mit Rückenwind über 50 km/h! Einzelne Falter scheinen den ganzen Weg von Island bis Nordafrika, knapp 4000 Kilometer, zurücklegen zu können. Im Herbst 2024 wurden in Französisch Guyana in Südamerika einige Distelfalter am Strand gefunden, die westafrikanische Blütenpollen trugen und mindestens 4.200 Kilometer quer über den Atlantik geflogen waren!

Sorgenfreier Sommer
Ihre weiten Wanderungen bescheren den Distelfaltern ein ständiges Leben bei angenehm sommerlichen Temperaturen mit 20 bis 30° C und prächtig grüner Vegetation. Während Afrika im Sommer in der Hitze verdorrt, leben die Falter in Europa. Doch lange bevor in Europa der Frost kommt, wandert die übernächste Faltergeneration zurück ins wintermilde Afrika. Indem sie ein halbes Jahr lang auf Reisen sind, entledigen sie sich nebenbei noch ihrer tödlichen Feinde in Afrika, der Schlupfwespen. Diese leben nur wenige Wochen und verkümmern, ehe im Herbst die in Europa geborenen Distelfalter zurück in die Heimat ihrer Vorfahren kommen.

Weitere Weitwanderer
Neben dem Distelfalter wandern alljährlich weitere Schmetterlinge nordwärts, insbesondere der schwarz-rote Admiral, der spektakulär große Windenschwärmer und das Kolibri-ähnliche Taubenschwänzchen. Admiral und Taubenschwänzchen können mit dem Klimawandel inzwischen auch in Europa überwintern, während die sehr kälteempfindlichen Windenschwärmer wohl erfrieren, falls sie nicht im Oktober rechtzeitig südwärts umkehren. Doch während der Windenschwärmer fast so groß wie ein Zaunkönig ist und spektakuläre 100 km/h erreicht, wandern auch zierliche Schwebfliegen gewaltige Strecken. Im September können pro Minute Tausende von Hainschwebfliegen die Gebirgspässe der Alpen und Pyrenäen auf ihrer Flucht vor dem Winter passieren. Auf der Schwäbischen Alb wird in der Vogelzugstation "Randecker Maar" seit 1970 der Insektenzug erforscht, ein einmaliges Projekt in Europa. Es ist in jedem Frühjahr wieder eine Überraschung, welche Falter, Fliegen oder Libellen aus Südeuropa einwandern. Und jeden Herbst ist es ein Wunder, wie Millionen von Flügeltierchen vor dem Winter ausweichen, den sie nie erlebt haben, der aber als Warnung in ihren Genen verankert ist.

Zum Thema des Vormonats: Salz im Blut

Zum Insekt des Monats Juni: Distelfalter

Distelfalter mit abgenutzten Flügeln
Kerben und Kratzer zeugen vom harten Leben dieses Distelfalters.
Admiral auf Ast
Der Admiral saugt im Herbst oft an Obst, ehe es südwärts geht.
Grauer Schmetterling
Der Windenschwärmer ist der größte und schnellste Falter Europas.
Falter schwebt vor Blüte
Wie ein Kolibri schwirrt das Taubenschwänzchen vor den Blüten
Schwebfliege auf Blüte
Die zierliche Hainschwebfliege kann über die Alpen fliegen.