Salz im Blut

Wie Küsteninsekten trotzdem überleben

Zum Nationalpark-Themenjahr “Insekten” erläutern wir im Mai, wie diese typischen Landtiere mit dem Überfluss an Salz in der Küstenlandschaft umgehen.

Insekten, die in Küstenlebensräumen wohnen, haben genau wie Landpflanzen ein ständiges Problem: Salzstress. Während Spurenelemente wie Natrium und Chlorid für Landinsekten oft sogar knapp und wertvoll sind, müssen Küsteninsekten einen ständigen Überschuss an Salz aushalten und kontrollieren. 
Insekten sind zwar die Schwestergruppe der Krebstiere, doch die Evolution der Insekten hat nach dem Verlassen des Meeres an Land stattgefunden. Alles was für einen Insektenkörper typisch ist – vom Chitinpanzer bis zum Atmungssystem – ist für das Leben an Land und auf einen sparsamen Umgang mit Wasser ausgelegt. An Küsten dagegen sind Wasser und Salz überreichlich vorhanden, was den Insektenkörper vor große Herausforderungen stellt.

Salz zieht Wasser
Es ist eine physikalische Grundregel, dass Salz Wasser anzieht, also austrocknend (hygroskopisch) wirkt. Trockenheit kennt der Insektenkörper aber schon seit dem Erdaltertum und er hat Schutzmechanismen dagegen entwickelt. Oft sind Küsteninsekten genau wie Wüstenkäfer dick gepanzert und haben zusätzlich eine wasserdichte Wachsschicht. Die dünnen Häute an ihren Gelenken sind gut verborgen und verdunsten wenig. Außerdem haben Insekten oft eine Blutflüssigkeit (Hämolymphe), die so reich an Salzen, Aminosäuren und anderen gelösten Stoffen ist, dass das Körperinnere eine höhere Saugspannung hat als die salzige Umgebung. Ihr "gehaltvolles" Blut und ihr Panzer schützen Insekten somit gegen salzbedingte Austrocknung.

Salz im Futter
Das viel größere Problem für Küsteninsekten ist Salz in der Nahrung. Im Körperinneren im Darm gibt es keine schützenden Sperrschichten, im Gegenteil. Das aufgenommene Meersalz gelangt in die Organe und Zellen, wo es giftig wirken kann. Die elektrische Wirkung gelöster Salzionen kann wichtige Enzyme in den Körperzellen "verbiegen" und blockiert den Stoffwechsel auf vielerlei Weisen. Daher haben Küsteninsekten mehrere Mechanismen entwickelt, die darauf abzielen, entweder die Aufnahme von Salz zu minimieren oder das aufgenommene Salz effizient wieder auszuscheiden.
Die Auswahl von salzarmem Futter ist ein einfacher Trick, den viele Küsteninsekten anwenden. Salzkäfer sammeln ihre Futteralgen am liebsten nach Regen, wenn diese frisch gewaschen sind, und speichern sie in ihrem Tunnel für schlechte Tage mit Sonnenwetter. Viele Insektenlarven fressen im Pflanzeninneren, wo sie gegen Salzwasser geschützt sind. Räuberische Küstenkäfer schließlich haben ohnehin kein Problem, denn ihre Beutetiere haben das Salzproblem ja schon irgendwie gelöst und sind wohlschmeckend und gut verdaulich.

Salz muss raus
Da sich trotz der Vermeidungsstrategien die Aufnahme von Salz nicht vollständig verhindern lässt, sind auch für Salz im Körper Lösungen erforderlich. Im Verdauungstrakt der Insekten gibt es ein kompliziertes Drüsenorgan, das beispielsweise bei Schmetterlingsraupen die Seide produziert. Bei Küsteninsekten dient es als Salzdrüse und pumpt Salzionen aus der Blutflüssigkeit in den Darm. Im Enddarm erfolgt eine Rückgewinnung von Wasser, sodass schließlich ein Kot ausgeschieden werden kann, der wenig Wasser und viel Salz enthält.
Viele Geheimnisse der Salzregulation bei Küsteninsekten sind noch unbekannt, weil dies ein eher exotisches Forschungsgebiet ist. Dass aber alles funktioniert, beweisen Salzkäfer, Strandaster-Gallmücke und Halligfliederspitzmausrüsselkäfer jeden Tag aufs Neue.

Zum Phänomen des vorigen Monats:
Jäger im Sand

Zum Tier des Monats Mai:
Salzkäfer

Zur Pflanze des Monats Mai:
Queller

Mehr über das Leben zwischen Salz- und Süßwasser erfährt man bei unseren Salzwiesenführungen, die unsere Freiwilligen an vielen Orten anbieten. Die Termine stehen im Gesamtkalender und auf den Seiten der Stationen.

Salzkäfer in seiner Wohnröhre
Salzkäfer sammeln am liebsten vom Regen gespülte Mikroalgen.
Käfer auf Grashalm knapp über dem Wasser
Ein unfreiwilliges Salzwasserbad droht Küsteninsekten wie diesen Sand-Marienkäfern jederzeit.
Larve mit Kotrucksack
Die Larve des Glanzstreifigen Schildkäfers trägt ihren Kot als Tarnung.
Raupe in der Salzwiese
Wolfsmilchspinnerraupen fressen am liebsten salzarme Pflanzen.
Schrecke auf Ähre
Die Schwertschrecke frisst bevorzugt salzfreie Salzwiesengräser.
Ameisen auf grauem Boden
Gelbe Wiesenameisen leben von Wurzelläusen, die wiederum salzfreien Wurzelsaft saugen.