Abschuss von Ringelgänsen ist keine Lösung

Schutzstation Wattenmeer fordert Ende von Ausnahmegenehmigungen

02.05.2011

Ringelgänse sind ganzjährig geschützte Zugvögel. Trotzdem werden auf den nordfriesischen Inseln mit Ausnahmegenehmigung durch die Untere Jagdbehörde des Kreises Nordfriesland im Frühjahr immer wieder Gänse zum Abschuss freigegeben, um übermäßige Wildschäden auf landwirtschaftlichen Flächen zu vermeiden. Die Schutzstation Wattenmeer fordert das sofortige Ende dieser Praxis.

„Es ist offensichtlich, dass einige betroffene Landwirte Ertragseinbußen durch Gänsefraß erleiden. Es stellt sich aber die Frage, ob der Abschuss einzelner Gänse zur Schadensvermeidung beiträgt. Es muss eher nach anderen Möglichkeiten und Wegen gesucht werden, um Fraßschäden auf landwirtschaftlichen Flächen zu verringern“, fordert Biologe Klaus Günther von der Schutzstation Wattenmeer.
Der Abschuss von Einzelvögeln ist nach Ansicht des Vogelexperten aus vielen Gründen keine Lösung. Die Gänse werden durch die Schüsse ständig hin- und hergescheucht, was ihren Futterbedarf und damit die Fraßschäden nur noch unnötig steigert. Zudem ziehen die Vögel durch häufige Störungen später und in schlechterer Kondition in ihre arktischen Brutgebiete ab, was zu geringerem Bruterfolg führt. Ringelgänse können über 20 Jahre alt werden und leben in Einehe. Durch die Abschüsse kurz vor der Brutzeit verlieren die Vögel ihren Partner und damit die Möglichkeit, sich erfolgreich fortzupflanzen.
 
„Es ist auch völlig absurd, dass die Ringelgänse auf den Inseln geschossen werden, während nur wenige Kilometer entfernt in der Biosphäre Halligen die Ringelganstage gefeiert werden und für den Schutz der Ringelgänse mit einem mehrtägigen Festival geworben wird. Die Jagd auf die europaweit geschützten Ringelgänse schadet dem Ansehen der ganzen Region und des Weltnaturerbes Wattenmeer. Mit den ‚Flying Five’ zu werben und dann die Werbefiguren zum Abschuss freizugeben, passt nicht zusammen“, betont Günther.

Ringelgänse rasten im Frühjahr von Ende Februar bis Mitte Mai im Wattenmeer. Die Meeresgänse halten sich zum Fressen vor allem auf den Salzwiesen im Vorland sowie auf Grünland hinter dem Deich auf, um die nötigen Fettreserven für den bis zu 5.000 km weiten Zugweg nach Nordsibirien anzufressen. Bereits in den Vorjahren wurden auf den Nordfriesischen Inseln Ringelgänse geschossen, darunter ein 15 Jahre alter Vogel, der bereits 56 mal von Vogelforschern auf seinem Zugweg gesichtet worden war.

In den letzten Jahren sind viele Grünlandflächen umgebrochen und in Ackerland verwandelt worden. Dadurch gingen traditionelle Äsungsflächen der Gänse verloren. Nun konzentrieren sich die Gänse auf den verbliebenen Grünlandflächen oder äsen ausnahmsweise auch auf Ackerflächen, auf denen Weizen oder Raps wächst. Dies führt zu einer weiteren Verschärfung des „Gänseproblems“.
Zudem sind die Wuchsbedingungen für die Vegetation in diesem Frühjahr ungünstig. Viele Ackerkulturen sind durch den langen Frost und Staunässe im Winter vorgeschädigt und das nun trockene und warme Wetter lässt das Gras auf dem Grünland nur schlecht wachsen, was den Einfluss der äsenden Gänse auf manche Fläche vergrößert.

Die Schutzstation Wattenmeer regt an, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, um gemeinsam nach Lösungen - auch im Rahmen von Vertragsnaturschutzprogrammen -  zu suchen, damit spätestens ab dem nächsten Jahr der Abschuss von Ringelgänsen auch in Nordfriesland der Vergangenheit angehört.

Abschuss trotz Artenschutz: Ringelgänse auf den Nordseeinseln