Ölförderung im Wattenmeer - ein Anachronismus

14.07.2010

Vor knapp einem Jahr hat die UNESCO am 26.06.2009 dem Wattenmeer das Prädikat „Weltnaturerbe“ verliehen. Fast zeitgleich mit diesem kleinen Jubiläum haben Landesregierung und Landesbergamt ohne öffentliche Anhörung und ohne Beteiligung von Naturschutzverbänden eine Verlängerung der bestehenden Erdölförderung auf der Bohrinsel Mittelplate A bis zum Jahr 2041 beschlossen. Währenddessen verenden im Golf von Mexiko täglich Tausende von Seevögeln qualvoll am ausgetretenen Erdöl der explodierten Bohrinsel Deepwater Horizon, der größten Umweltkatastrophe dieser Art.

 

Rund 25 Millionen Tonnen des zähen und klebrigen Stoffes hat das Betreiberkonsortium aus RWE Dea und Wintershall seit 1987 südlich der Insel Trischen vor der Dithmarscher Küste gefördert. Rund 30 Millionen Tonnen werden als „gewinnbare Reserve“ und größtes Erdölvorkommen Deutschlands noch in drei Kilometer Tiefe unter dem Nationalpark Wattenmeer vermutet. Trotzdem reicht die hier förderbare Menge gerade einmal für einzelne Prozente des deutschen Ölbedarfs.

Der Bau der Plattform ab 1985 war von heftigen Protesten der Natur- und Umweltschutzverbände begleitet. Sowohl die Schutzstation Wattenmeer, die große Flächen im Nationalpark Wattenmeer betreut, als auch der WWF und andere Naturschutzverbände wandten sich vehement gegen eine Ölförderung im Nationalpark. Demonstrationen, symbolische Besetzungen der Plattform und politische Lobbyarbeit bewirkten zwar bislang keine Einstellung der Förderung. Der anhaltende öffentliche Druck sorgte aber zumindest für eine Verbesserung der Sicherheitsvorkehrungen bei der Förderung.

 

Das Nationalparkgesetz in Schleswig-Holstein beschränkt in seiner Fassung aus dem Jahr 1999 die Ölförderung auf den Bereich der Mittelplate A. In der Begründung des Gesetzes wurde festgestellt, dass eine Erdölförderung „nach allgemeiner Auffassung nicht mit dem Schutzzweck des Nationalparkes zu vereinbaren“ ist. Erlaubt blieb die Förderung dennoch.

RWE Dea will die Ölförderung sogar ausweiten. Von der Öffentlichkeit zunächst unbemerkt stellte der Konzern 2007 beim Landesbergamt Celle einen Konzessionsantrag für die Öl- und Erdgassuche in einem rund 20.000 ha großen Gebiet unter Inseln, Halligen und Wattflächen im Norden des Nationalparks Wattenmeer. Das Bergamt stimmte dem Antrag zu, obwohl der Kreistag Nordfrieslands sich einstimmig gegen eine Ausweitung der Ölförderung im Wattenmeer ausgesprochen hat. RWE Dea rang sich zwar zu einer öffentlichen Erklärung durch, keine weiteren Bohrinseln im Nationalpark Wattenmeer errichten zu wollen. Diese Absichtserklärung ist rechtlich aber nicht verbindlich. Zum Glück verbietet das Nationalparkgesetz jede weitere Bohrinsel im Nationalpark.



RWE Dea unterstreicht in ihrer PR-Arbeit die Sicherheit der Ölinsel Mittelplate und verweist auf 22 unfallfreie Betriebsjahre. Im Jahr 2007 musste der Konzern aber zugeben, dass seine vermeintlich felsenfeste Ölinsel von einem Priel, der auf die Plattform zuwandert, fortgeschwemmt werden könnte. Über 50.000 Quadratmeter Wattboden wurden daraufhin bisher mit Steinschüttungen überdeckt (Kolkschutz), um die Ölinsel zu retten. Eine Maßnahme, die im Rahmenbetriebsplan nicht vorgesehen war und die Frage aufwirft, ob ein Weiterbetrieb der Ölinsel überhaupt zulässig war. Ein entsprechendes Genehmigungsverfahren wird erst jetzt - nach diesem Eingriff - durchgeführt.



Weltnaturerbe, drei deutsche Nationalparks auf Länderebene, Biosphärenreservat, Ramsargebiet (Feuchtgebietsschutz), IBA-Gebiet (Important Bird Area). Kaum eine Schutzkategorie oder ein Prädikat, mit der das Wattenmeer nicht ausgezeichnet worden ist. Umso mehr schwächt die Ölförderung aus Sicht der Schutzstation Wattenmeer die Glaubwürdigkeit dieses Schutzes.

Gemeinsam mit dem WWF fordert die Schutzstation Wattenmeer 

  • von RWE Dea, das Weltnaturerbe zu respektieren und auf die Ölförderung im Nationalpark zu verzichten,
  • von der Landespolitik, eine Ausweitung der Ölförderung im Watt zu verhindern,
  • von der Bundespolitik, das Bundesberggesetz so zu ändern, dass Rohstoffkonzerne nicht länger Narrenfreiheit in Deutschland haben.


Erdölförderung im Meer ist weder naturverträglich, noch ist sie ohne Risiko möglich, wie die aktuelle Entwicklung am Golf von Mexiko eindrucksvoll aufweist. Schutzstation Wattenmeer und WWF gehen deshalb auch gerichtlich gegen weitere Eingriffe von RWE Dea ins Watt vor, die mit dem Nationalparkgesetz oder den europäischen Naturschutzrichtlinien nicht vereinbar sind.

Der Makel des Nationalparks: Ölinsel Mittelplate